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(KETZERISCHE) ERWÄGUNGEN (Teil 1)

Großbritannien hat seit dem 20. Juli einen neuen Premierminister: Andy Burnham.
Wenn Politiker der westlichen Welt in so eine Position gelangen, achtet die Öffentlichkeit mächtig darauf, welcher anderen politischen Persönlichkeit der Neugewählte die Ehre des ersten Zusammentreffens erweist. Und siehe:
Der britische Labourmann empfängt Wolodymyr Selenskyj!
Gratulation!
Natürlich ist das kein Zufall. Es ist ein Statement.
Und dieses Statement reiht sich reibungslos ein in eine lange Kette von inhaltlich ähnlichen Statements und der darauf folgenden politischen Weichenstellungen. Und das gilt nicht nur für die letzten 5 Jahre und auch nicht nur für Großbritannien. Nein, die lange und unsägliche Kette ist fast schon 200 Jahre alt und belegt Europa mit einem wahren Fluch nahezu durchwegs negativer zivilisatorischer Folgen.
Es ist eine leichte Kunst: die Schwarz-Weiß-Malerei.
Bei der Schilderung historischer Begebenheiten findet sie gerne Verwendung, da Grautöne und Nuancen den zu transportierenden „Wahrheiten“ in historischen Darstellungen nicht zuträglich sind. Nuancen stören, sie stören das Weltbild, das – nicht selten trotz besseren Wissens und zahlreicher Mahner – durch diese „Wahrheiten“ verteidigt werden soll und muss.
Selbstverständlich alles im Namen hehrer Ideale: Wahrheit und Gerechtigkeit.
Herrschenden und der von ihnen verbreiteten Weltsicht – das ist wohl eine der essenziellen Lehren der Menschheitsgeschichte – sollte man stets mit einer gesunden und wohldosierten Skepsis entgegentreten. Nichts korrumpiert mehr als Geld und Macht und das in sämtlichen bekannten Gesellschaftsordnungen und zu allen Zeiten.
„Die Wahrheit“ war immerfort das leidvolle Opfer dieser allzu menschlichen Neigungen schlechthin.
Zurück derweil zu dem oben erwähnten britischen Statement.
Es ist ein weiteres Glied einer langen verhängnisvollen Kette europäischer politisch-militärischer Entscheidungen.
Fehlentscheidungen.
Hier – bevor es weitergeht – gleich eine Einordnung dessen, was nun folgt:
Da ich mit meinen unter Actaseptimana dargebotenen Meinungen von niemanden abhängig bin, da für mich das berühmte „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing’“ nicht gilt, bin ich in der seltenst anzutreffenden glücklichen Lage, auf niemanden außer meinem Gewissen und meinem Geschichtsverständnis Rücksicht nehmen zu müssen.
Dabei bin ich nicht so vermessen, zu glauben, dass ich „die Welt“ und „die Geschichte“ durchschaue.
Allerdings auch nicht so beschränkt, alles zu glauben, was die jeweiligen Herrschenden und im Besonderen der jeweilige Zeitgeist mir als „Wahrheit“ verkaufen wollen!
Also, los geht’s:
Zweihundert Jahre Russophobie. Ja, darüber will ich referieren und vor allem darüber, wie Europa seit 200 Jahren es regelmäßig schafft, seine ureigensten Interessen, seine Sicherheit und sein Wohlergehen mit Füssen zu treten!
Knapp zweihundert Jahre seitdem Europa nach zahllosen mittelalterlichen Irrungen und Wirrungen es in der Neuzeit erneut geschafft hat, seine eigenen Sicherheitsinteressen zu untergraben.
Geschichte ist dafür da, um zu warnen.
Die Warnungen verhallen.
Vorab will ich jene These benennen, die ich im folgenden zu erläutern versuchen werde:
Zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte – insbesondere in den uns relativ zugänglichen letzten 3 Jahrtausenden – waren die Beziehungen zwischen den Staaten geprägt von (geopolitischen) Interessen. An diesem historisch-politischen Postulat ist nichts zu deuteln.
Europa hat seit Mitte des 19. Jahrhunderts den Frieden mit dem russischen Imperium wiederholt abgelehnt. Selbst dann, wenn eine friedliche Lösung möglich war, oder diese Ablehnung sich als zutiefst kontraproduktiv erwiesen hat. Seit dieser Zeit gelten die Sicherheitsinteressen Russlands nicht mehr als legitime Interessen, die in einer breit aufgestellten europäischen Ordnung verhandelt werden sollten, sondern als moralische Verstöße, die bekämpft, kontrolliert, gegebenenfalls ignoriert werden müssen. Europa weigert sich seit knapp 200 Jahren, Russland als legitimen und gleichberechtigten Sicherheitsakteur anzuerkennen. Ein eklatanter Verstoß gegen die eigenen geopolitischen Interessen.
Soweit meine These.
Bekanntlich hat Europa im Laufe seiner Geschichte in zahllosen Fällen Gewalt angewendet, um eigene imperiale Neigungen gnadenlos durchzusetzen. Das war und ist in europäischer Wahrnehmung normal und legitim. Wenn Russland ein ähnliches Gebaren zeigt, insbesondere in der Nähe russischer Grenzen, gilt das von Natur aus moralisch verwerflich und geopolitisch destabilisierend. Die europäische Russophobie ist in den meisten Fällen keine emotionale Feindseligkeit gegenüber dem russischen Volk oder der russischen Kultur, sondern eine strukturelle Voreingenommenheit, die tief im europäischen Sicherheitsdenken wurzelt und die (leider!) regelmäßig die Sicherheit und das Wohlergehen des Kontinents torpediert. Die Ursachen des wiederholten Versagens Europas, in Frieden mit Russland zu leben, hat demnach tiefere Wurzeln und wurden nicht von Putin, der 70-jährigen kommunistischen Herrschaft oder anderweitigen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts verursacht.
Dieses Versagen ist älter und ist struktureller Natur. Bei wichtigen geopolitischen Momenten in der neueren Geschichte Europas wurden die Sicherheitsbedenken Russlands nicht als ernstzunehmende oder gar legitime Verhandlungsinteressen wahrgenommen. Sie wurden schlichtweg zu moralischen Verstößen deklariert.
Gerade mal zwei Generationen nach Napoleons Niederringung durch die vereinten europäischen Militärkräfte galt noch der redliche Grundsatz: Der Frieden erfordert, dass sich die Großmächte gegenseitig als legitime Akteure akzeptieren und Krisen durch möglichst zeitnahe Konsultationen bewältigen. Von Dämonisierung war da noch keine Rede.
Ab Mitte des 19. Jahrhundert ändern sich diese allseits akzeptierten Rahmenbedingungen. Sie werden getragen von der imperialen Weltsicht der damaligen Großmächte England und Frankreich. Plötzlich war Russland für London und Paris keine Großmacht mehr wie jede andere, sondern eine Gefahr für „die Zivilisation“, deren Interessen, selbst im lokalen und defensiven Belangen, als von Natur aus expansiv und daher inakzeptabel eingeordnet werden mussten.
Der Krimkrieg(1853-1856) war die erste entscheidende Manifestation der neuen Weltsicht. Diese Konfrontation war alles andere denn „notwendig“ im strengen strategischen Sinne. „Dem Russen eins auswischen“ war ganz im Sinne des englischen Imperialismus und im Sinne Napoleons III, der außenpolitische Erfolge für innenpolitische Legitimation dringend benötigte. Der Krimkrieg war ein klassischer Eskalationskrieg. Ursprünglich ging es um ein erneutes, eher harmlos-lächerliches Säbelrasseln zwischen Russland und dem Osmanischen Reich. Paris und vor allem London(!) haben bewusst aus einem regionalen und bilateralen Konflikt zwischen Russen und Türken einen europäischen gemacht, um Russland zu schwächen. Für Europa waren die Folgen verheerend. Abgesehen von massiven menschlichen Verlusten leitete dieser Krieg zwei wichtige Phänomene ein, die seit damals die Geschicke unseres Kontinents prägen: Zum einen das Fehlen einer dauerhaften, austarierten Sicherheitsarchitektur, zum anderen die Konsolidierung eines unsäglichen ideologischen Reflexes, der Russland nunmehr als Paria unter den „normalen“ Großmächten einordnet und entsprechend behandelt.
Mit dem Ende des Krieges begann die Ära der anhaltenden innereuropäischen Feindseligkeiten in der modernen Epoche und die Zeit, da die Bewältigung nachfolgender Krisen immer beschwerlicher, ja unmöglich, wurden.
Das nächste Kapitel antirussischen Gebarens eröffnete die 1917 stattgefundene kommunistische Revolution. Als das Zarenregime gestürzt wurde, bewegte sich der Westen nicht weg von Rivalität hin zu Neutralität, sondern im Gegenteil, er wählte den blutigen Weg der aktiven Intervention, da die Idee der Existenz eines souveränen, bolschewistischen Staates außerhalb der westlichen Vormundschaft als unerträglich erschien. Natürlich gibt es jede Menge historischer und ideologischer Rechtfertigungen bezüglich dieser westlichen Intervention. Sie müssen ernst genommen und können keineswegs geleugnet werden. Aber genauso ernst sind die Folgen zu nehmen, die diese Intervention im politischen und kulturellen Gedächtnis des russischen Volkes verursacht haben. Die Russen nahmen sehr genau die Doppelmoral des Westens wahr, wenn es um Frieden, Freiheit und Ordnung ging, jenes Janusgesicht und jene Doppelzüngigkeit westlicher politisch-moralischer Werte. Übrigens: Historische Berichte unterstreichen einstimmig die Wirksamkeit, mit der die Bolschewiki die Präsenz der fremden Truppen für Propaganda- und Legitimitätszwecke ausnutzten. Mit anderen Worten: Der Versuch, den Bolschewismus „zu brechen“, hat zur Stärkung des Regimes beigetragen, das es zu zerstören versuchte.
Diese Dynamik zeigt einen auffälligen „Kreislauf“ der Geschichte: Russophobie erweist sich für Europa als kontraproduktiv und zwingt folgerichtig Politiker zu Entscheidungen, die weit entfernt davon sind, die eigentlichen Probleme zu lösen. Was bleibt, sind Unzufriedenheit und Sicherheitsängste in Russland, die westliche Politiker dann schlichtweg als Irrationalität und Paranoia abtun.
Der schließlich von fremden Truppen befreite Sowjetstaat war bitterarm, traumatisiert und sichtlich misstrauisch. Aber unbestreitbar: souverän. Hier stand Resteuropa nun erneut vor der Wahl: Russland als legitimen Akteur im Bereich der Sicherheit zu akzeptieren, oder als Paria, dessen Interessen und Bedenken nichts anderes als hochmütige Ignoranz verdienten. Europa wählte die zweite Option. Der Preis dafür war für sämtliche Völker Europas exorbitant.
Die UdSSR wurde toleriert, wenn sie britischen und französischen Interessen diente, ansonsten wurde das Riesenreich marginalisiert. Und die Gefahr, die von dem immer mächtiger werdenden Nazi-Deutschland ausging, wurde als weniger brenzlich erachtet, als jene, die vermeintlich von dem Sowjetstaat herrührte. Die Sowjets haben nachhaltige und gut dokumentierte Anstrengungen unternommen, um ein europäisches Sicherheitssystem gegen Nazi-Deutschland zu etablieren. Diese Bemühungen sind jedoch – in einer gewissen Weise sicherlich verständlich – an einer westeuropäischen ideologischen Mauer abgeprallt, an der der Antikommunismus Vorrang vor dem Antifaschismus hatte. London und Paris waren weniger besorgt über die Drohgebärden der Nationalsozialisten als über die politischen Konsequenzen einer Zusammenarbeit mit der UdSSR. Diese Fehleinschätzungen waren das Produkt einer tragisch-kurzsichtigen Weltanschauung, die den Nazi-Revisionismus als potentiell beherrschbar betrachtete, während sie die Sowjetmacht als von Natur aus subversiv wahrnahm.
Die Geschichte „verzeiht keine Fehler“. Es folgte das, was unter diesen Umständen naheliegend war: „Die Bösen“ fanden zueinander, Berlin und Moskau suchten und fanden schließlich jenen gemeinsamen Nenner, um künftig das Leben der europäischen Demokratien mehr als ungemütlich zu gestalten. Der Molotow-Ribbentrop-Pakt war nicht die Ursache für das Scheitern Europas, sondern seine Folge, nachdem London und Paris sich jahrelang weigerten, kollektive Sicherheit mit der Sowjetunion aufzubauen.
Das katastrophale Ergebnis ist wohlbekannt. Sämtliche Völker Europas haben – einige mehr, andere weniger – einen noch nie dagewesenen hohen Blutzoll entrichten müssen und enorme materielle Zerstörungen erlitten. Für Mittel- und Westeuropa bedeutete das Inferno des Zweiten Weltkriegs auch den Verlust jeder faktischen geopolitischen Autonomie. Der Krieg, den Europa nicht verhindern konnte, zerstörte endgültig seine Jahrhunderte alte geopolitische Machtbasis, hinterließ überall in jeder Hinsicht verstörte Gesellschaften und reduzierte fortan die Rolle des alten Kontinents auf das eines potentiellen Schlachtfeldes, wo sich die hasserfüllte Rivalität der neuen Supermächte USA und UdSSR ungeniert austoben durfte.
Das keineswegs freiwillige Bündnis der drei Mächte USA, Großbritannien und der UdSSR gegen Nazideutschland hielt erwartungsgemäß nicht lange Zeit. Aus dem Bündnis wurde Konfrontation. Zunächst haben die Westmächte einsehen müssen, dass dadurch, dass die UdSSR die Hauptlast des Krieges getragen haben, diese ein nachvollziehbares Sicherheitsinteresse hatte, dass von deutschen Boden künftig keine weitere Bedrohung ausgehen durfte. Deutschland sollte im wahrsten Sinne des Wortes „neutralisiert“ werden. Deutschlands Neutralität und dauerhafte Entmilitarisierung bildeten aus sowjetischer Sicht die Mindestbedingungen für eine stabile Nachkriegsordnung. Das wurde so auch auf der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 festgelegt.
Es sollte bekanntlich anders kommen. Deutschland wurde in Zonen aufgeteilt, wo die Besatzungsmächte ihre jeweilige Weltsicht den traumatisierten Deutschen aufoktroyierten. Zunächst starb bei diesen Mächten der Wille zur Aufrechterhaltung des Gedankens an die Neutralität der Deutschen, dann kamen die politischen Vorstellungen bezüglich der Einheit des besiegten Landes und schließlich jene der Entmilitarisierung abhanden. Geopfert wurden die Vereinbarungen von Potsdam zugunsten der neuen strategischen und geopolitischen Prioritäten der USA und Großbritannien. Insbesondere priorisierten die USA die wirtschaftliche Erholung der drei westlichen Besatzungszonen und ihre Einbindung in ein westeuropäisches Wirtschafts- und Militärsystem, weil ihnen die Variante der Neutralität Gesamtdeutschlands zu sehr den Interessen der Sowjets dienlich erschien. Die UdSSR, einst ein unverzichtbarer Verbündeter, wurde jetzt als potentieller Gegner neu definiert, deren Einfluss in Europa und in der Welt unter allen Umständen unter Kontrolle gehalten werden mußte.
Es sollte aber noch dicker kommen. Nunmehr kreiste das gesamte geopolitische Denken der Vereinigten Staaten um die erfolgreiche Eindämmung der kommunistischen Machtinteressen der Sowjets. Der Kalte Krieg war geboren. Und das Schicksal sämtlicher europäischer Nationen hatte sich dieser weltweiten politischen Großwetterlage zu unterwerfen. Fortan bestimmten die atomar aufgerüsteten Supermächte USA und Sowjetunion die Geschicke des alten Kontinents. Keine der wegweisenden Potsdamer Beschlüsse wurden jemals in die Tat umgesetzt. Vielmehr wurde alles, was nun in Europa und in der Welt passierte, den strategischen Überlegungen der zwei Großmächte untergeordnet. Europa ist zu einem Spielball dieser Mächte degradiert worden und musste ohnmächtig zulassen, in eine Konfrontation getrieben zu werden, die ihren ureigensten Interessen völlig zuwiderlief.
Gechichte verzeiht eben keine Fehler.
(Fortsetzung folgt)