Neue Facetten einer uralten Angelegenheit (letzter Teil)
Die christliche Lesart kann ohne die Erwähnung einiger Eckpunkte jüdischer Geschichte nicht auskommen. Beginnen wir – zur Einstimmung – mit einem nachdenklichen Wort aus dem Alten Testament:
„Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an“. Gott wendet sich hier durch seinen Propheten Sacharja an die Juden aber hauptsächlich an die anderen Völker der Erde. Gott setzt hier am Ende des Alten Testaments ein klares Ausrufezeichen. Er verkündet, dass er ziemlich empfindlich sei, wie die Welt mit den Juden umgeht.
So nebenbei sei bemerkt: Wenn man das Volumen eines Augapfels mit der Größe Israels auf Erden vergleicht, kommt man zu einem erstaunlichen Ergebnis. Das Land Israel braucht auf der Erde genauso viel Platz wie unsere beiden Augen in unserem Körper: 0,016 %. Uns Menschen ist es nicht egal, ob jemand unser Auge „berührt“ oder z. B. unseren Fuß. Bei Gott ist das offenbar auch so…
Hier nun kurz die geschichtlichen Eckpunkte, die dazu dienen sollen, unser Verhältnis zu den Juden und insbesondere zu dem Staat Israel im Lichte Gottes zu prüfen:
2000 Jahre vor Christus kauft Abraham von den Hethitern ein paar Quadratmeter Land für ein Grab. Die notarielle Bestätigung findet sich bis heute in 1. Mose 23.
1000 Jahre später erreicht Israel unter König David die von Gott vorgegebenen Grenzen. Diese Tatsache ist von enormer Bedeutung, weil seit der Gründung des Staates Israel das verleumderische Narrativ bedient wird, dass der Judenstaat ununterbrochen expandieren will. Die schlichte Wahrheit ist eine andere: Israel war nie auf weitere Vergrößerung des Landes aus. Gott hat vor 3000 Jahren seine Grenzen festgelegt.
Weitere 1000 Jahre später, also eine Generation nach Jesu Tod und Auferstehung, zerstören die Römer im Jahr 70 n. Ch. Jerusalem und den Tempel. Von diesem Zeitpunkt an ist den Juden ihre staatliche Existenz und ihr geistliches Zentrum genommen.
Über 1900 Jahre nach diesem Ereignis leben Juden nun zerstreut in allen Ländern der Welt. Sie werden Spanier, Franzosen, Holländer, Deutsche, Russen, Afrikaner, Polen, Rumänen, Magyaren usw.
Hier bitte ich, kurz innezuhalten: All diese Zeiten summieren sich zu verblüffenden 4000 Jahren Geschichte. 4000 Jahre. Das ist kein Pappenstiel und deshalb wäre ein Kommentar dazu mehr als überflüssig. Vor 4000 Jahren hat also ein Greis eine Grabstätte in der Nähe von Hebron für 400 Schekel Silber gekauft. Wer eine Grabstätte für eine solche Summe kauft, will in dieser Gegend Wurzeln schlagen und hier Zukunft gestalten. Sein Sohn Isaak, Stammvater der Israeliten, und Isaaks Nachfolger haben Ernst gemacht mit dieser Verheißung. Die Welt hat das weitestgehend immer und immer wieder zu verhindern versucht … Sie – die Welt – hat diese Rechnung aber ohne den Wirt gemacht …
Die Juden leben fortan – nach dem Jahr 70. n.Ch. – zerstreut in aller Welt. Doch überall über zwei Jahrtausende bricht an Passah jeder jüdische Hausvater das Brot und sagt: „Dieses Jahr hier, nächstes Jahr in Jerusalem“. Über die Jahrhunderte kehren Einzelne ins Land zurück. Der Grund ist fast immer Druck, Diffamierung, Verfolgung in ihren Heimatländern. Durch diese ständige abwertende Ausgrenzung und die unzähligen Angriffe gegen die Juden wird ihnen gegen Ende des 19. Jahrhunderts schließlich klar: Wir Juden müssen für eine rechtlich gesicherte Heimat sorgen, damit diese wiederholten Angriffe endlich ein Ende finden. Das und nichts anderes ist die zionistische Idee.
1933-1945 folgt schließlich jenes barbarische Phänomen, was wir Holocaust nennen, der Versuch, das Judentum auszulöschen.
Das ist mit einfachen Strichen der historische Hintergrund für die Proklamation der staatlichen Unabhängigkeit Israels am späten Nachmittag des 14. Mai 1948. (Zur Erinnerung: Einige Stunden später befand sich der junge Staat bereits im Krieg. Angriff von allen Seiten seitens der Nachbarstaaten.)
Selbst jene, die mit christlichem Glauben nichts am Hut haben, kommen um die Tatsache nicht herum, dass die Juden und ihr Land durch die Bibel in ein besonderes Licht gestellt sind.
Es gibt in der Geschichte der Menschheit kein anderes Volk, das 2000 Jahre verstreut war in alle Welt und dann wieder in die alte Heimat zurückkehrt.
Zunächst lässt sich also Folgendes sagen: Der Staat Israel ist ein Erinnerungszeichen dafür, dass ein Zusammenhang besteht zwischen den Juden heute und dem auserwählten Volk der Bibel. Israel und das von Gott begrenzte Land des jüdischen Volkes waren immer mit Gottes Geschichte mit dieser unserer Welt verbunden. Israel, die Juden und ihr Staat sind Werkzeuge in Gottes souveräner Hand. Darum bleibt dieses Volk für die Welt immer ein Stachel, auch dann, wenn es selbst nicht an seinen Gott glaubt. Die Welt würde ihren Gott und Schöpfer schnell vergessen, gäbe es dieses Volk nicht. Durch die Juden erinnert Gott alle Völker, ER ist der Herr über alle und alles. Es gibt von Jesus und seinen Aposteln klare Worte, die sagen, dass Gott seinen Knecht Israel im Dienst behält und nicht gekündigt hat.
Es ist schon auffällig: Die Tatsache, dass sich die Völker im Laufe der Geschichte immer an den Juden gerieben haben und noch heute am Staat Israel reiben, deutet gerade auf das „Geheimnis“ Israels hin. In der Geschichte taucht ständig ein anderes Volk auf, das sich zum Ziel setzt, den Juden einen „entscheidenden Schlag“ versetzen zu müssen. Die Spanier um 1492, die Russen um 1881, Deutschland 1933, derzeit die arabische Welt und der Iran, das ehemalige Perserreich. Adolf Hitler hat die restlose Vernichtung der Juden damit begründet, dass sie die Menschheit seit Jahrtausenden mit dem Begriff der Sünde verseuchen und so verhindern, dass sich der Mensch entfalten kann.
Menschen wollen nichts hören von ihrer Sünde, von ihrer Rebellion gegen Gott, von ihrem zutiefst verdorbenen Herzen, auch dem frommen verdorbenen Herz. („Die Linie zwischen Gut und Böse verläuft quer durch jedes Menschenherz“, hat mal Solschenizyn dazu gesagt). Die Menschen wollen Siegesbotschaften: „Das schaffen wir. Du bist stark, du bist gut“. Aber dieses Volk und seine Geschichte erinnern pausenlos: Wir hängen viel tiefer in der Sünde, als wir uns je eingestehen. Ja, es stimmt, Israel hat Jesus als seinen König nicht angenommen und nicht erkannt. Jesus war zu niedrig, zu sanftmütig, zu erfolglos, zu leidend. Er befreite sie nicht von den Römern, machte ihr Leben nicht bequem, passte nicht in ihr Bild von Gott. Sie erwarteten einen anderen Messias. Sie haben sich schuldig gemacht. „Israel, du bist ein Feind Gottes geworden, du bist nichts als silbrig glänzende Schlacke“, mahnte schon Jesaja Jahrhunderte vor Jesus.
Aber: Haben wir Christen es in unserer Geschichte etwa besser gemacht? Haben wir im neuen Bund (dem Bund der Gnade) den Schatz im Acker besser behütet als Israel in seiner Geschichte? In den Kirchen und Gemeinden heute wird über Gottes Wort gerichtet, anstatt dass Gottes Wort uns richtet. Die Geschichte des christlichen Abendlandes ist im Lebenswandel keinen Deut besser als die Geschichte Israels.
Die Gründung des Staates Israel ist eine Antwort Gottes auf alle Versuche, seinen Anspruch an uns aus der Welt zu schaffen. In einem gewissen Sinn benötigte Gott für 2 Jahrtausende das Land Israel nicht für sein Volk. Aber seit ein paar Jahrzehnten braucht er es wieder. Aus Gottes Sicht hat Israel offensichtlich immer noch – geistlich gesehen – eine strategische Bedeutung. Es gibt überhaupt keine Religion, die auch mit einer Landverheißung verbunden ist. Die ganzen Schwierigkeiten um das Judentum und den Staat Israel zwingen Juden wie Nichtjuden zu der Erkenntnis, dass Gott seine Hand auf Israel gelegt hat, um seinen Anspruch auf alle Völker kund zu tun. Gott will sich durch dieses Volk und Jesus, der aus diesem Volk kommt, als den einzigen Herrn und Erlöser aller Menschen offenbaren.
Ja, für uns Menschen ist vieles unverständlich. Gott hat nie zugelassen, dass man ihm in die Karten schaut.
Wenn wir ihn verstehen würden, wäre er nicht Gott.
Schaut man in die Bibel, dann widerspricht der gegenwärtige Staat der Juden völlig den Vorgaben in Gottes Wort. Die Mehrheit in Israel glaubt gar nicht an den Gott Israels. Ein Israel, das nicht an den Gott Israels glaubt, hat biblisch gesehen keine Existenzberechtigung.
Nichtsdestotrotz: Alle Wege dieses Volkes kreuzen alle Straßen der Welt und sie deuten damit aus jeder Richtung auf das Kreuz Christi.
Hier in Israel, am Kreuz und Mittelpunkt der Erde, häuft sich die Schuld, die Schuld Israels und die Schuld sämtlicher Völker. Die Israeliten sind schuldig vor Gott und alle, die Israel begegnen, sind an diesem Volk schuldig geworden.
Das Dasein Israels ist die große Störung unter den Völkern.
Gott hat Israel auserwählt, die unendliche Schuld des Menschen vor Gott aufzudecken.
Israel ist die wunde Stelle am Körper der Menschheit. Gott selbst hält die Wunde offen. Er zeigt, dass sie nur heil wird durch Jesus, den Christus Israels.
Im Blick auf die Schuld unterscheidet sich Israel nicht von anderen Völkern.
Israel müsste erkennen, dass Gottes Antwort und Heil in seiner eigenen Mitte geboren ist und die Welt müsste erkennen, dass die Antwort in dem Christus liegt, der Israel verheißen war.
P.S. Obigen Gedanken zu folgen, ist für unsere säkulare Welt eine Herausforderung. Die hier vertretenen Ansichten sind fraglos auf schriftliche Gedanken bekannter und manch unbekannter Theologen zurückzuführen. Erwähnung finden sollen hier der Schweizer Theologe Wilhelm Vischer (1895-1988), der sich eingehend mit der Staatsgründung Israels 1948 im Lichte der Bibel befasst hat und ein befreundeter emeritierter Pastor einer Freien Evangelischen Gemeinde in Nürnberg.
Und zum Schluss Worte in eigener Sache:
Jeder von uns versucht, die Vergangenheit und die Gegenwart zu deuten, um so das Ergebnis dieser Lesart in ein eigenes, unverwechselbares Gedanken- und Wertesystem einzugliedern.
Ich persönlich habe in den vergangenen Jahrzehnten einige Deutungswerkzeuge herangezogen, um „zu verstehen“. Den Gang der Geschichte verstehen. Verstehen, wie „die Welt“ tickt. Keines dieser Werkzeuge hat letztendlich überzeugt. Bis ich auf Augustinus von Hippo gestoßen bin. Auf den Mann, der aus seiner eigenen, zermürbenden Unruhe die größte Ruhe gefunden hat – in Gott.
Und dessen Ausspruch „Ich glaube, um zu verstehen“, meine alten Werkzeuge, die mich zur Erkenntnis führen sollten, etwas in den Schatten gestellt hat.
Die alten Werkzeuge wurden dabei nicht überflüssig gemacht. Ihr Wirkungsbereich und -bilanz wurden aber substantiell und wegweisend erweitert.
Die Betonung liegt auf: wegweisend.