Neue Facetten einer uralten Angelegenheit (Teil 2)
Der Antisemitismus hat seit geraumer Zeit ein neues Ausmaß erreicht. Er ist gleichsam zum globalen Exportschlager geworden. Besonders erfolgreich unter jungen Menschen. Modernisiert und verjüngt, fast wie ein Phänomen der Popkultur, breitet er sich schnell und ungehemmt in den Vereinigten Staaten aus. Und leider in nahezu allen Ländern Europas.
Besonders unwürdig und daher abstoßend ist der neue aber alte Antisemitismus dort, wo man ihn am wenigsten erwarten würde: an Elite-Universitäten, in Theaterhäusern, in Museen, in vermeintlich kultivierten Kreisen. Ausgerechnet diese Kreise, also diese angeblich so feinfühligen Sensoren im Kampf gegen Autoritarismus und Intoleranz, mutieren zu erbärmlichen Opportunisten und Steigbügelhaltern von Geschichtsvergessenheit. Man bekämpft Judenhass, so wie er in der Vergangenheit war. Nicht wie er in der Gegenwart ist. Für diesen dysfunktionalen Umgang mit Juden gibt es neuerdings einen mehr als verdeutlichenden Begriff:
Nekrosemitismus.
Der Begriff beschreibt drastisch und präzise, was heute in der ach so zivilisierten Welt schiefläuft. Dass wir nämlich nicht mehr nur im Zeitalter des Antijudaismus und des Antisemitismus leben. Wir sind Zeitgenossen des Antizionismus, in dem alles Unheil dieser Welt auf Israel – also der kollektive Jude – projiziert wird. Wodurch selbstredend auch der Einzeljude zur Zielscheibe wird. Nekrosemitismus hat höchsten Respekt vor dem toten Juden. Aber sobald Juden leben, sprechen, sich organisieren und (vor allem!) verteidigen, einen Staat und eine Armee haben, Grenzen schützen, Terroristen bekämpfen und sich zu der schlichten Aussage bekennen: „Wir lassen uns nicht mehr abschlachten“, ja, dann ist es vorbei mit jedweder Sentimentalität. Dann wird die Realität ausgeblendet und verbogen, weil wehrhafte Juden in diese von Hirnlosen ausgedachte Realität nicht hineinpassen. Juden werden zu Tätern umgedeutet, Schutz wird Aggression, Selbstverteidigung wird Unterdrückung. Schlussendlich: Jüdische Souveränität wird zum Problem.
Gelehrte Schriften über die Ursachen des mehr als 2000-jährigen Judenhasses füllen ganze Bibliotheken. Hier will ich lediglich eine einzige der zahlreichen Ursachen kurz andeuten. Dem sei Folgendes vorangestellt:
„Die menschliche Geschichte hat mit einer Aggression begonnen. Mit einem Brudermord. Der Anlass war: NEID“.
Der Neid. Juden haben – trotz aller Verfolgung, trotz tausender Pogrome und trotz der Schoa – die westliche Welt geprägt und bereichert wie niemand sonst. Überall finden wir ihre Handschrift: in der Wirtschaft, in der Wissenschaft, in der Kultur, in der Medizin, in der Technologie. Im Vergleich zu der lächerlich geringen Größe der jüdischen Gemeinschaften weltweit ist ihr Beitrag zu Fortschritt und Spitzenleistungen in all diesen Bereichen überproportional. Diese Aussage bedeutet nicht Philosemitismus. Sie ist eine realitätsnahe Schlussfolgerung generiert von objektiven historischen Tatsachen. Warum aber diese Überproportionalität? Die Erklärung ist einleuchtend: Sie ist die kulturhistorisch naheliegende Konsequenz aus zwei Jahrtausenden ununterbrochener Diskriminierung und Verfolgung. Wer so lange systematisch ausgegrenzt und benachteiligt wird, kann nur entweder untergehen oder durch besondere Leistungen, also durch Exzellenz, überleben.
Erfolg aber bewirkt Neid. Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung – das hat schon Nietzsche postuliert.
Der Antizionismus ist folgerichtig die jüngste Mutation des ältesten und beständigsten Hasses der Weltgeschichte. Der Nekrosemitismus ist eine Begleiterscheinung des Antizionismus. Die Methodik, die hierbei Verwendung findet, ist nicht neu: Sie besteht aus Verleumdung, Propaganda und Desinformation. Und versucht so dreierlei: Die Lebensader historisch-jüdischer Existenz zu kappen. Die nationale Herzkammer des jüdischen Volkes zu zerstören. Und das zentrale Nervensystem jüdisch-kollektiven Selbstverständnisses zu torpedieren.
Es ist nun an der Zeit, ohne Umschweife etwas klarzustellen:
Israel und die Juden sind wie sämtliche Staaten, Völker und Individuen auf Erden alles andere denn makellos und untadelig.
Das sind sie bei weitem nicht. Die prozentuale Anzahl von Einfältigen, Unbedarften und Asozialen, von Halunken, Gaunern und Vergewaltigern unter den Juden unterscheidet sich in keinster Weise von jener anderer Völker. Darüber hinaus gibt es eine Menge ungelöstes Konfliktpotential und Streitfragen zwischen Juden und Arabern. Zwischen religiösen und säkularen Juden. Zwischen Rechten und Linken, zwischen Idealisten, Pragmatikern und Realisten. Zwischen Expansionisten und Pazifisten, Demokraten und Autoritären. Aber eins kann man Israel nicht absprechen: Das Land ist eine pluralistische, vibrierende Demokratie, wo sich Tradition und Moderne die Hand reichen oder eben nicht, weil sie sich gerade zoffen, wo Religion und Säkularität um die Vormachtstellung ringen. Niemand, der mal Israel hautnah und ohne ideologisch verhunzte Fremdenführung erlebt hat, wird bestreiten, dass dieses Land – so groß wie Hessen und Heimat eines der ältesten Völker dieser Erde – gleichzeitig eines der modernsten, lebendigsten und vor allem visionärsten Länder der Welt ist.
Zurück zum Zionismus. Er war nie das, was seine Gegner in ihm sehen wollen. Und keineswegs das, was seine Feinde ihm unterstellen. Er ist kein ideologisches Gedankengut um andere zu unterwerfen, sondern eine Initiative der Selbstermächtigung. Keine Überzeugung und kein Befürworten von Überlegenheit, sondern eine logische, zutiefst menschliche Reaktion auf andauernde Ohnmacht. Kein Angriff auf andere, sondern die Verteidigung von Freiheit und Selbstbestimmung. Der Zionismus ist schlicht eine Entscheidung für jene Zukunft, die „die anderen“, also die Gesamtheit der Menschen außerhalb des jüdischen Glaubens, den Juden immer (hier eine ganz besondere Betonung auf „immer“!) vorenthalten haben. Eine Entscheidung zugunsten eines uralten Traums, der immer noch lebt. Und der sich beharrlich weigert, zu zerplatzen. Eine Entscheidung für eine Zukunft, die keine Luftschlösser baut, die sich nicht in Utopien verliert, sondern die dem Abgleich mit der Realität standhält.
Und ja, es gibt da noch etwas, das keinesfalls unerwähnt bleiben darf:
Antisemitismus und Antizionismus sind nicht nur ein existentielles Problem des jüdischen Volkes. Es ist ein existentielles Problem eines Großteils der Menschheit und insbesondere unseres Kulturraums. Diese Einsicht geht der westlichen Welt völlig ab. Im Antisemitismus hasst und beneidet der Westen sich selbst. Wenn der Westen, verstanden als die „freie und demokratisch orientierte Welt“ den Antisemitismus nicht besiegt, wird er sich selbst zerstören.
Lebende Juden sind der störende Stachel in der Komfortzone der nekrosemitischen Gesellschaft.
Sie halten dieser Gesellschaft einen Spiegel vor, vor dem sich der Nekrosemitismus in die schaurig-behagliche Vergangenheit flüchtet und sich weigert, die Realitäten der Gegenwart wahrzunehmen und die daraus folgende Verantwortung zu übernehmen.
Nekrosemitismus ist der augenfälligste Ausdruck eines gigantischen Versagens.
P.S. Ich kann leider nicht anders: Die säkulare Betrachtung dieses weltbewegenden Themas ist lediglich eine Seite der Medaille. Einer kurzen geistlich-christlichen Lesart der gleichen Thematik kann und will ich mich nicht verwehren.
Alsdann: Fortsetzung folgt.