Neue Facetten einer uralten Angelegenheit

Hat jemand von Euch noch in Erinnerung, wer Immanuel Goldfab war? Wohl niemand.
Nun: In dem 2005 gedrehten Spielfilm „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ mit Ben Becker als Hauptdarsteller erhält ein jüdischer Journalist eine Anfrage einer Schulklasse. Die Jugendlichen wollen einen „ganz gewöhnlichen Juden“ kennenlernen. So weit, so gut. Aufgrund dieser Anfrage muss sich der Jude Immanuel Goldfab mit seiner Geschichte beschäftigen und macht sich Gedanken, was er dem Lehrer und den Schülern antworten kann und anvertrauen soll.
Hier ein Ausschnitt seiner (laut vorgetragenen) Gedankengänge:
„In dem Karton ist meine ganze Geschichte drin, die ganze Familie, das ganze Kartenspiel. Bube, Dame, König, Ass. Juden und Nichtjuden sehen sich ihre Familienfotos nicht auf dieselbe Weise an. Wussten sie das? Unsere Erinnerungen sind nicht von derselben Art. Sie sagen, das war der Onkel mit der ganz dicken Frau. Die Tante ist mal bei einer Ruderpartie aus dem Kahn gefallen. Der hier war Bäcker und hat immer Rosinenbrötchen mitgebracht, wenn er zu Besuch kam. Sowas sagen wir nur bei ganz alten Bildern. Nur bei Fotos von Leuten, die das Glück hatten, rechtzeitig tot zu sein. Bei allen anderen heißt es: Theresienstadt, Auschwitz, ausgewandert nach Caracas, verschollen. Eigentlich wären wir eine große Familie, wir Goldfabs. Es ist nun mal so, dass die Leute auf meinen Familienfotos auf ganz andere Weise tot sind als die Leute auf ihren, umgebracht ist nun mal nicht dasselbe wie gestorben, ermordet ist nicht dasselbe wie gefallen, Vergasung ist nicht dasselbe wie Lungenentzündung. Ich kann’s nicht ändern. Wir haben die gleiche Geschichte, aber nicht die gleichen Geschichten. Sie und ich, obwohl es alles deutsche Geschichten sind.
Sie, die Juden, reden immer von damals. Das ist unser Problem. Zu viel Vergangenheit. Man schleppt so viel Vergangenheit mit sich rum, dass man mit dem Wegräumen gar nicht nachkommt. Geschichte: die jüdische Krankheit. Bis heute feiern wir den Auszug aus Ägypten. Die Pharaonen, die uns damals unterdrückt haben, liegen schon lange mumifiziert in ihren Pyramiden, aber wir feiern noch immer! Oder der Tempel in Jerusalem. Bald 2000 Jahre ist es her, dass die Römer ihn zerstört haben. Das römische Reich ist ewig untergegangen, aber wir hören immer noch nicht auf zu trauern. Die jüdische Krankheit – wir können nicht vergessen (…) Es gibt mehr als eine Milliarde Chinesen, die können all ihre Historie irgendwie zwischen sich aufteilen, aber wir Juden – viel zu viel Geschichte für so wenig Leute. Viel zu viel Geschichte. Ich habe versucht davor wegzulaufen, aber so schnell kann keiner rennen.(…)
Immanuel Goldfab – wissen sie, was mein Vorname bedeutet? Immanuel – Gott ist mit uns. Ich weiß nicht, ob das eine Hoffnung ist oder eine Drohung, aber wenn er nicht mit uns wäre, hätten wir nicht so verdammt viel Geschichte aushalten müssen. Wir sind sein auserwähltes Volk. Ich weiß nicht, womit wir diese Strafe verdient haben, was immer es war, allmählich müsste sie abgesessen sein. Es reicht. Der liebe Gott könnte sich mal ein anderes Volk auserwählen zur Abwechslung. Die Belgier vielleicht oder die Ostfriesen. Uns reicht’s! (…)
Das Judentum ist eine Religion. So weit, so einfach. Nein, soweit so kompliziert. Aus einer Religion kann man austreten, zur Konkurrenz überlaufen. Atheist werden, aufhören zu glauben. Wir haben immer dran glauben müssen. Wir haben keine Wahl. Vor 100 Jahren haben sich viele deutsche Juden taufen lassen, um endlich, endlich dazuzugehören. Die Taufe als Eintrittskarte. Es hat ihnen nichts genützt. Für ihre Umwelt waren sie keine Christen geworden, sondern nur getaufte Juden. Wir sind eine Glaubensgemeinschaft, die durch das zusammengehalten wird, was die anderen von uns glauben.“
So weit Ben Becker. So weit Immanuel Goldfab.
„Wir sind eine Glaubensgemeinschaft, die durch das zusammengehalten wird, was die anderen von uns glauben“.
Diese Erfahrung dürfte jeder von uns mal gemacht haben. Egal, ob man mit Christen, Nichtchristen oder Atheisten zusammensitzt, wenn hierin die Absicht bestünde, eine heiße Diskussion zu entfachen, müsste lediglich die harmlos klingende Frage gestellt werden: Wie denkst Du über die Juden und über Israel?
Das Thema enthält seit mehr als zwei Jahrtausenden Unmengen an Sprengstoff.
Seit mehr als zwei Jahrtausenden grassiert auf Erden ein hässliches, nicht auszumerzendes Phänomen: der Antijudaismus.
Wir leben seit Jahrzehnten in einem Kulturraum, der sich dem Kampf gegen jegliche Art von Antijudaismus und Antisemitismus in einer gleichwohl sich selbst beweihräuchernden Weise verschrieben hat. Der Kampf – das ist die bittere Feststellung! – hat nichts gefruchtet.
Noch bitterer ist ein relativ neuer Aspekt dieses ach so lobenswerten Kampfes gegen Antisemitismus:
Man liebt sie und man ehrt sie: die Juden.
Aber sie müssen tot sein.
Höchste Wertschätzung ja, solange jüdische Schicksale und Symbole im Museum liegen und auf Schwarz-Weiß-Fotos zu sehen sind. Solange Juden Tagebücher hinterlassen, die man zur Absolution umdeuten kann.
Solange Juden nicht widersprechen, nichts fordern, keine Fragen stellen und niemandem zu nahe treten.
Tote Juden kann man mit salbungsvoller Würde betrauern. Mehr noch: Kerzen anzünden, Kränze niederlegen. Und vor allem das „Nie wieder“ weihevoll hauchen. Dann ist der Mensch unseres Kulturraums mit sich im Reinen.
Die Erinnerungskultur des Gutmenschen ist von formvollendeter Bequemlichkeit. Sie liebt Anne Frank, aber weiß kaum etwas über jüdische Gegenwart. Sie liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht einmal versehentlich über den Judenhass vor der eigenen Haustür. Und ja: Sie liebt die Gedenkreden, aber überhört geflissentlich, wenn Juden sagen: „Wir wissen nicht, wie lange wir hier noch bleiben können.“
Auschwitz darf in dieser Aufzählung natürlich nicht fehlen. Das an Auschwitz gekoppelte „Nie wieder“ wird in gleicher Weise liebevoll umsorgt, aber diese Kultur des alles andere als bedingungslosen Erinnerns kann und will offensichtlich nicht verstehen, was dieses „Nie wieder“ dezidiert und mit gutem Recht bedeutet:
Nie wieder wehrlos.
Nie wieder abhängig sein vom „guten Willen“ anderer Gemeinschaften, anderer Völker, anderer Staaten.

(Fortsetzung folgt)