Geschichte muss nicht immer langweilig sein …
Die Anziehungskraft der Geschichte, aufgefasst als Modus operandi, die Vergangenheit „zu erfahren“, hält sich bei den letzten Generationen der europäischen Nationen in augenscheinlich überschaubaren Grenzen. Im Schulunterricht ist Geschichte oft als ein langweiliges, überflüssiges und daher unnützes Fach verschrien.
Innerhalb des Kulturraums der Nationen wird Geschichte nicht selten als Hure der Politik bezeichnet. Da ist unzweifelhaft was Wahres dran. Geschichte kann per definitionem nicht objektiv sein, jede historische Interpretation von vergangenen materiellen und geistigen Fakten wird von zahlreichen subjektiv gefärbten Faktoren mehr oder weniger maßgeblich und in keineswegs seltenen Fällen unheilvoll beeinflusst.
Eine beliebte Methode, in geschichtlichen Darstellungen die Bedeutung des Faktors Langeweile abzumildern, ist die Einbeziehung der Gegenwart in den historischen Diskurs. Historische Entscheidungen, die vor 50 oder 100 Jahren und natürlich auch gegenwärtig getroffen wurden und werden, können nicht selten zwanglos mit Ereignissen viel älteren Datums in Verbindung gebracht werden.
So ist seit einiger Zeit die Straße von Hormuz in allem Munde und jeder, der bislang kaum von dieser Meerenge gehört hat, kann sie nun geografisch zumindest grob lokalisieren.
Als die Kriegshandlungen gegen den Iran begannen und die Straße von Hormuz in den Fokus der politisch und militärisch interessierten Weltöffentlichkeit gelangte, erinnerte ich mich daran, dass diese geografische Seeregion schon einmal in der Weltgeschichte die Blicke der damaligen Welt auf sich zog. (Natürlich nicht mithilfe einer grenzenlosen Flut bewegter Bilder, sondern dargereicht als trockene Informationen von berittenen Boten …)
Blättern wir also weit zurück in den Annalen der Weltgeschichte.
Vor 2351 Jahren(!) schlägt einer der größten Feldherren aller Zeiten sein Heerlager in der unmittelbaren Nähe der ausgedehnten Deltalandschaft eines der wichtigsten Flüsse Asiens auf: der Indus.
Seine Krieger sind sichtlich erschöpft. Sie können und wollen nicht mehr. Und sie können den weiteren gigantomanischen militärischen Plänen ihres von allen bewunderten jungen Königs weder physisch noch psychisch folgen. Sie sind auch seit geraumer Zeit von einem erdrückenden Gefühl alles bestimmenden Heimwehs erfasst. Dabei ist diese so sehr vermisste Heimat unendlich weit entfernt von ihnen. Die Männer wollen nur noch eins: zurück zu den duftenden Pinienwäldern Griechenlands und Makedoniens.
Alexander der Große, der ehrgeizige, junge König, ist sich dieser Situation bewusst und bereitet seine Armee auf den beschwerlichen Rückzug vor. Wie immer denkt er geopolitisch groß: Er will die Gebiete, die er von der Westküste Kleinasiens bis zur Punjab-Region erobert hat, behalten, vereinen, erschließen. Der König ist in der Geografie all dieser Regionen gut bewandert. Er weiß, dass es einen Seeweg gibt, der die Indusmündung mit jener von Euphrat und Tigris verbindet. Und er will diesen Seeweg „erschließen“.
Sein Plan sieht vor, dass er an der Spitze eines Großteils seiner Armee den Rückzug auf dem bereits bekannten Landweg antreten werde. Die restlichen Männer sollen zu Seeleuten „umgeschult“ werden. Alexander lässt binnen kurzer Zeit auf dem Fluss Hydaspes eine mehr oder minder hochseetaugliche Flotte bauen. Sie wird einem erfahrenen kretischen Schiffskommandanten unterstellt: Nearchos. Dieser ist in die Geschichte als Admiral Nearchos eingegangen. Den Admiralstitel hatte er zu dem Zeitpunkt seiner Ernennung durch Alexander allerdings noch nicht.
Der Rückzug der makedonischen Armee in Richtung Westen erweist sich wie erwartet beschwerlich. Poseidon, der mächtige griechische Gott der Meere, ist den makedonischen Seeleuten ebenfalls nicht gewogen. Bis die Flotte die Straße von Hormuz, die damals nachvollziehbarerweise nicht so hieß, erreicht, hat sie mit äußerst widrigen Wetterbedingungen zu kämpfen, die zu erheblichen menschlichen und materiellen Verlusten führten. Das Logbuch des Admirals, das wichtige strategische Informationen an Alexander beinhaltete, ging im Sturm verloren. Nicht aber die Augenzeugenberichte. Davon wurden zu einem späteren Zeitpunkt eine Menge Fakten von dem Historiker Arrian von Nikomedien in sein Werk „Die Anabasis Alexanders“ aufgenommen und so für die Nachwelt gerettet.
Alexander der Große träumte den imperialen Traum aller erfolgreichen Feldherren. Er kannte den Landweg von Kleinasien bis nach Indien: beschwerlich, gefährlich und somit für militärische Zwecke anspruchsvoll bis ungeeignet. Der Seeweg sollte sein Reich zusammenhalten. Was später für die Römer ihr überragendes Straßennetz war, sollten für Alexander die Wasserwege im Indischen Ozean als Hauptkommunikations- und Handelswege dienen. Nearchos´ Auftrag war, Informationen über die Küstenpopulationen zu sammeln und herauszufinden, wo günstige, natürliche Bedingungen für den künftigen Bau von Hafenanlagen für Wirtschaft und Militär zu finden waren.
Der unerwartete, frühe Tod des Königs (323 v. Ch.) hat alle diese imperialen Pläne zunichtegemacht.
Nichtsdestotrotz: Für Alexanders Nachfolger, die Seleukiden, waren seine Pläne zwar eine Nummer zu groß, aber auch ihnen war die Bedeutung einer ungehinderten Passage aus dem Persischen Golf in den Golf von Oman und weiter in die Weiten des Indischen Ozeans wohl bewusst.
Da haben wir es also: den „Wink der Geschichte“ an die Zeitzeugen des 21. Jahrhunderts: die ungehinderte Passage der Meerenge…
Nun, im obigen Zusammenhang haben zwei antike Orte eine nicht unerhebliche strategische Bedeutung erlangt: Tylos (das heutige Bahrain) und Ikaros (heute Failaka). In der geschichtlichen Nachfolge sind selbst die Römer an diesen Orten aufgetaucht und sich gelegentlich der Wasserwege im Persischen Golf bedient, natürlich ohne groß angelegten Ambitionen, ihr Riesenreich weiter nach Osten auszudehnen.
Die „große Blütezeit“ des Schiffsverkehrs zwischen den Mündungen der drei großen asiatischen Flüsse Euphrat, Tigris und Indus verdankt die Weltgeschichte dem British Empire. Das, was dem großen Makedonier nicht gelungen war, hat die damals legendäre britische Marine bewerkstelligt: die Einbindung diese Seewege in ein weltumspannendes imperiales Wirtschafts- und Militärsystem. Es ist auch bekannt, dass die Briten hierbei nicht unerheblich von Arrians Aufzeichnungen profitiert haben, indirekt also von den Augenzeugenberichten makedonischer Seeleute …
Seit über 2000 Jahren sind somit diese Gebiete, die sich über die gesamte Arabische Halbinsel und Staaten wie Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan und Teile Indiens erstrecken von besonderer geopolitischer Relevanz. Zu den bestimmenden geopolitischen Akteuren, die diesen asiatischen Regionen in den letzten 700 Jahren ihren militärisch-politischen Stempel aufgedrückt haben, gehören das Osmanische Reich, das britische Weltreich und zum Teil auch das russische Zarenreich.
Sie alle sind untergegangen.
Keineswegs untergegangen ist der geopolitische Stellenwert der oben erwähnten Regionen. Die Seewege, die Alexander hat erforschen lassen, haben heute offenkundig eine ungleich höhere Wertigkeit als zu den Zeiten des makedonischen Königs.
Für einen Wimpernschlag der Geschichte gehörte die damalige „Welt“ dem genialen Feldherrn. Folgerichtig dachte und handelte er „weltbewegend“.
Heute steht die Straße von Hormuz erneut im Zentrum des Denkens und des Handelns „weltbewegender“ Mächte.