Scharf wie Paprika:
Sind die ungarischen politischen Dissonanzen wirklich so?
Die meisten Reaktionen der Welt auf das ungarische Wahlergebnis sind meines Erachtens in ihrer Schwarz-Weiß-Malerei in unmittelbarer Nähe hysterischer Drolligkeit zu verorten.
Auf Teufel komm raus wird seit Montag, 13. April, darüber spekuliert, was nun die Beseitigung Orbáns von der Macht für die Welt bedeuten könnte. Vergebens sucht man in den Beiträgen – welches politischen Spektrums auch immer – eine nüchtern-dezente Ausgewogenheit in der Analyse der Ereignisse.
Es ist natürlich nicht leicht, kühlen, unvoreingenommenen Kopf zu bewahren, wenn es um das heutige Ungarn und um Viktor Orbán geht.
Entweder ist man dafür oder dagegen.
Es ist auch hier ähnlich wie mit der Israel-Frage: dafür oder dagegen.
Grau- und Zwischentöne: Fehlanzeige.
Glaubt man den weltweit vorherrschenden Medien, hat Orbáns Wahlniederlage regelrechte Schockwellen verursacht. Dabei ist lediglich etwas Selbstverständliches passiert: nicht mehr und nicht weniger als der Ausgang einer normalen demokratischen Wahl.
Wer mit redlicher Ernsthaftigkeit das Ergebnis der Wahl betrachtet, für den hat eine nüchterne Bewusstmachung der Umstände dieses politischen Aktes oberste Priorität.
Eine schlichte und schnörkellose Betrachtungsweise gebietet, den „Tatsächlichkeiten in ihrer Gegebenheit“ Rechnung zu tragen.
Infolgedessen gilt als fundamentale Voraussetzung, um Orbánsche Vergangenheit und Magyarsche Zukunft richtig einordnen zu können, eine detaillierte Kenntnis der Geschichte Ungarns. Und hier ist hauptsächlich ein vertieftes Wissen um die Geschehnisse der letzten 120 Jahre vonnöten.
Das 20. Jahrhundert war für das ungarische Volk insbesondere ab dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 bis zum Jahr 1989 eine einzige Katastrophe. Ein nahezu apokalyptisches Desaster, das sich tief in die Seele der Nation eingebrannt hat. Auf diese klaffend-schmerzhafte Wunde im tiefsten Inneren der nationalen Seele haben alle Politiker der letzten 100 Jahre – ob links, rechts, kommunistisch oder demokratisch – zwanglos und größtenteils unverkrampft Rücksicht nehmen müssen.
Das wird auch Magyars politisches Schicksal mit allen daraus resultierenden politischen Konsequenzen bestimmen.
Viele Zeitgenossen haben das politische Programm des künftigen starken Mannes in Budapest nicht sorgfältig genug interpretiert. Das hat sie dazu verleitet, den politischen Kampf zwischen Magyar und Orbán zu einer Auseinandersetzung zwischen demokratischen Ideen und populistischem Gehabe hochzustilisieren. Ja, noch mehr: zu einem Kampf zwischen Progressivismus und Konservatismus.
Mit Verlaub, das war er mitnichten!
Magyar hat in seinem gegen Orbán frech und eiskalt geführten Kampf kein einziges maßgebliches ungarisch-konservatives Ideal verleugnet. Da war nirgends die Rede von einem Politikwechsel betreffend offene Grenzen, Gender-Lehrpläne, EU-Migrationspakt oder Regenbogenpolitik. Die familienpolitischen Eckpunkte der Orbánregierung, von Steuererleichterungen für kinderreiche Mütter bis zu Wohnbauförderung, will er nicht antasten. Er will sie ausweiten.
Die Grenzanlagen. Sie bleiben.
Die Ablehnung verpflichtender Umverteilungsquoten der in Europa ankommenden Migranten? Die Ablehnung bleibt bestehen.
Die Skepsis gegenüber den monetären Hilfeleistungen für die Ukraine und einem schnellen EU-Beitritt des im Krieg befindlichen Landes?
Magyar bekräftigt diese Skepsis.
Péter Magyar fühlt und denkt wie ein Ungar. Das wiederum ist im Falle eines genuinen ungarischen Politikers gleichbedeutend mit: patriotisch.
(Ja, etwas merkwürdig, aber diesen Begriff gibt es immer noch!)
Also: Zuerst immer proungarisch. Unentwegt auf Achse, aber stets mit der Nationalflagge in der Hand. Dann erst folgen in angemessenen Abständen die anderen zahlreichen „Pros“.
Das ungarische Volk hat am 12. April einen Machtwechsel auf eine bemerkenswert demokratische Weise erwirkt. Es hat aber keineswegs einen Riss in dem ungarisch-patriotischen Grundtenor verursacht, der als roter Faden die eigene, oft tragisch markierte Geschichte des Landes durchzieht.
Der Grundtenor des ungarischen Nationalgefühls war und ist ein konservativer. Magyar ist klug genug: Er wird diesem Grundgefühl die ihm gebührende Bedeutung niemals verwehren. Die Ungarn haben mitnichten ihrem intrinsischen Konservatismus einen Korb verpasst. Nein, sie haben bloß einem ganz speziellen Konservatismus, dessen Zeit offensichtlich abgelaufen ist, den Rücken gekehrt. Die Mehrheit des Volkes hat die Ermüdungserscheinungen des Orbánschen Systems registriert und das System auf eine sehr mündige Art und Weise beseitigt.
Macht korrumpiert, auch dann, wenn sie mit den besten Absichten antritt. Das ist eine ewig geltende Aussage über die menschliche Natur, die keiner weiteren Beweisführung bedarf.
Das System Orbán ist nicht an seinen Idealen gescheitert, sondern an deren Erosion durch die in solchen historischen Epochen nicht beherrschbaren und nicht ausmerzbaren Günstlingswirtschaft. Und ja, der Erosion durch eine in solchen Fällen nicht selten auftretenden anmaßenden Überheblichkeit.
Péter Magyar scheint den ungarischen konservativen Geist anders zu denken.
Es zeichnet sich jetzt schon ab: Gegenüber der EU-Zentrale wird er anders auftreten. Artig und umsichtig. Und geschmeidig. Mit gezücktem Schwert – das hat er vorbildlich internalisiert – kann man Brüssel nicht einnehmen. Ihm eröffnet sich jetzt die reelle Chance, die typisch ungarischen konservativen Zielsetzungen der letzten zwei Jahrzehnte mit jungem, unverbrauchten Personal und gefälligen politischen Methoden zu verfolgen.
Abwarten und Tee trinken – was die Zukunft Ungarns betrifft, wäre das ein sinnvolles Gebot der Stunde.
P.S. Selbstverständlich kursieren bereits auf verschiedenen Informationskanälen in und außerhalb Ungarns die obligatorischen und unvermeidlichen verschwörungstheoretischen Einlassungen. Die hierbei am häufigsten anzutreffende Sichtweise ist jene, dass ein abgekartetes Spiel der beiden Protagonisten eine Perpetuierung des Orbánschen Machtgefüges gewährleisten soll.
Das, was nach „Revolution“ aussieht, ist also nichts anderes als ein subtiler, mephistophelisch gut durchdachter Schritt, die von Orbán in jahrelanger Kleinstarbeit aufgebauten Machtmechanismen zukunftstauglich am Laufen zu halten.
Nun ja, die Welt ist bekanntlich voller Wunder und die Wege des Herrn sind sowieso unergründlich …