Wird es eine „Renovatio Europae“ geben? (Teil 2)

Der identitäre europäische Patriotismus spielt in Engels Gedankenkonstrukt unbestritten die erste Geige. Der Historiker hat diesem neuen politischen Konzept auch einen Namen gegeben:
Hesperialismus.
Ihm schwebt ein Mittelweg vor zwischen einem künftigen neu erwachten Geist des jeweiligen europäischen Nationalstaates und dem anmaßend korsettierenden EU-Zentralismus.
Die Ideologie der Brüsseler Zentralbehörde ist in vielen Hinsichten antieuropäisch. Sie leugnet weitestgehend die nationalen und zivilisatorischen Besonderheiten unseres alten Kontinents. Aus der vielschichtigen Geschichte Europas wird mit großem Gepränge von der Brüsseler Behörde lediglich Rationalismus, Individualismus, Globalismus und universale Menschenrechte hervorgehoben, deren absonderliche Mutation zum Wokismus alles andere denn ein Zufall ist. Die EU ist keineswegs der Ausdruck einer gemeinsamen Willensbildung, sondern seelenloses, technokratisches Gebilde mit sehr begrenzter Legitimation.
Andererseits würde souveränistisches Gedankengut als Gegenkonstrukt zur EU zu einer erneuten wirtschaftlichen und politisch-militärischen Fragmentierung unseres zivilisatorischen Großraums führen, die eine Beschleunigung des geopolitischen Niedergangs Europas mit sich bringen würde. Viele Jahrhunderte gemeinsamen Glaubens, gemeinsamer Bestrebungen und beneidenswerter, facettenreicher Interaktionen haben aus Europa eine einmalige Schicksalsgemeinschaft geformt. Ja, eine Familie, in der nicht selten gestritten und unzählige blutige Fehden ausgetragen wurden.
Aber es siegte jedes Mal der zur Aussöhnung bereite europäische Geist. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hätte auch niemand diese gemeinsame Identität auch nur ansatzweise infrage gestellt. Dann aber lockte der Gang der Geschichte die Europäer in einen arglistigen Hinterhalt: Der viel gepriesene Geist des Liberalismus hat die Europäer peu à peu dazu verleitet, ihre eigene kollektive Identität mit derjenigen der gesamten Menschheit zu verwechseln. Das hat Europa – wir alle erfahren das hautnah – alles andere denn gutgetan!
Es müsste somit eine Rückbesinnung auf das stattfinden, was uns Abendländer ausmacht. Der Weg dorthin wird steinig sein und kampfbetont. Ein Kampf also um die kulturelle und institutionelle Hoheit geführt von nationalen Patrioten aus sämtlichen europäischen Staaten, die die willfährig beiseite geschobenen europäischen Traditionen in ihre jeweiligen politischen Visionen integrieren und in engste Partnerschaft miteinander treten müssen. Ohne Reibungen und auch ohne eine gewisse „rationale Gewolltheit“ wird das gewiss nicht ablaufen, aber es ist gegenwärtig das einzige historisch vertretbare Muster, um den völligen Zusammenbruch zu verhindern.
Ab diesem Punkt geht Engels dann in die Vollen. Er muss sich schließlich „outen“ und das institutionelle Modell benennen, das ihm als historisches Beispiel vorschwebt, eine solche Wende in Europa herbeiführen zu können. Er zeigt keinerlei Hemmungen, wenn er in diesem Zusammenhang in geschichtsphilosophisch draufgängerischer Weise an das Heilige Römische Reich des europäischen Mittelalters denkt.
Die Europäische Union ist macht- und kraftlos, wenn es darum geht, europäische Interessen in der Welt zu vertreten. Gleichzeitig wird sie von Jahr zu Jahr immer autoritärer, wenn es darum geht, den Nationalstaaten ihre Entscheidungen aufzuzwingen. Die EU ist unfähig, sich gegen China oder Trumps Amerika zu behaupten, aber sie kann mit bewährter Effizienz einem ganzen Kontinent das Verbot von Plastikstrohhalmen vorschreiben. In diesem Zusammenhang müssen die „Lass-mich-dran-Deckel“ der Einwegflaschen als Beweisstück einer epochalen technischen Erneuerung ebenfalls löbliche Erwähnung finden…
Europäische Erbärmlichkeit.
Dieser Trend in Richtung geopolitischer Bedeutungslosigkeit muss umgekehrt werden: Stärke und Stolz nach außen, Freiheit und Subsidiarität nach innen. Dafür stand über Jahrhunderte das Heilige Römische Reich. Es gelang ihm, seine Grenzen erfolgreich zu verteidigen und gleichzeitig die Freiheit und Vielfalt unzähliger Königreiche, Herzogtümer, Städte und Fürstbistümer von den Pyrenäen bis nach Königsberg und von den Dünen der Niederländer bis ins Herz Italiens zu gewährleisten. Erst als die Einheit der christlichen Welt durch Protestantismus, Renaissance und schließlich Nationalismus zerbrach, begann der Niedergang des stolzen Reiches. Dabei sollte man nicht außer Acht lassen: Napoleon hat in der Tat das Reich zerschlagen, aber dieses überlebte noch – zumindest im Prinzip – bis 1918 in Form „Kakaniens“ (R. Musil), also seines österreich-ungarischen Ausläufers.
Europa muss wieder den Weg zu den Wurzeln seiner eigenen Geschichte freischaufeln, es muss zu einer neuen positiven Haltung gegenüber den großen Ideen seiner keineswegs lumpigen Vergangenheit finden. Wiederbesinnung auf das Christentum und die Reichsidee.
Dafür ist das Sacrum Imperium das ideale Vorbild.
Angesicht von Globalisierung und Multikulturalismus ist der Souveränismus als Rückbesinnung auf jene Werte, die Europa groß gemacht haben, nur verständlich. Aber die künftigen Herausforderungen an Europa sind gänzlich anderer Natur als z.B. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als unser Kontinent auf dem Höhepunkt seiner Macht stand.
Europa ist bedroht. Von allen Seiten. Sowohl von innen als auch von außen. Auf dem Spiel steht nichts weniger als das Überleben des Abendlandes und all dessen, wofür es einst stand. Weder der Geist des Zentralismus noch der Freiheitshauch der souveränistischen Ideen werden imstande sein, dem kranken Kontinent neue Lebenskräfte einzuhauchen.
Es mag paradox klingen aber nur auf den ersten Blick:
Denn wenn die europäischen Völker ihre nationalen Identitäten und somit IHR EUROPA retten wollen, müssen sie ihren christlich-abendländischen Patriotismus wieder entdecken und sich zu einer eigenen souveränen Supermacht entwickeln.

Und nun, zu guter Letzt: Wie stehe ich persönlich zu all dem?
Es gab einstens in der deutschen Geschichte einen Engels, der zusammen mit seinem bärtigen Busenfreund aufwiegelnd verkündete:
„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
Der andere redlich der Geschichtswissenschaft dienende Engels unserer Tage sieht sich – wie obige Zeilen es zu veranschaulichen versucht haben – einem anderen Ideal verpflichtet.
Ich kann beiden Engels bedauerlicherweise nicht mehr als wehmütig zuflüstern:
„Wie wohl ist dem, der dann und wann
sich etwas Schönes dichten kann.“
(W. Busch)