EN PASSANT …
Wir leben in Zeiten, da würde man meinen, die Meinung von Sozialpsychologen wäre ein gesellschaftlich gefragtes Gut.
Ist aber augenscheinlich nicht der Fall. Die Gesellschaften des westlichen Kulturkreises befinden sich in einem Zustand zunehmender Spaltung und Fragmentierung. Die einen sehen nur noch Nazis am Werk, andere wieder können den „links-grün versifften Gutmenschen“ nicht mehr riechen. Alle glauben noch immer daran, dass wir mehr oder minder rationale Wesen sind, die folgerichtig auch rational denken, diskutieren und handeln. Nun sind einige, allerdings wenige, der ketzerischen Meinung, dass das ein Mythos sei. Eilfertige Philosophen glaubten und glauben an die Vorherrschaft der Ratio im Denken und Handeln des modernen Menschen. Nicht wenige Sozialpsychologen widersprechen: Intuition und insbesondere Emotionalität beherrschten seit jeher die Köpfe aller Generationen. Also auch die Köpfe der Zeitgenossen. Was sämtliche Generationen seit der europäischen Aufklärung als Rationalität nannten, war und ist lediglich ein rhetorisches Mittel, um irrationale Meinungen und Handlungen im Nachhinein vernünftig dastehen zu lassen. Sei’s drum. Lassen wir das erst mal sacken …
Heute spielt die „Moral“ eine überaus große Rolle im gesellschaftlichen Miteinander. Dem politischen und ideologischen Gegner begegnet man nicht mit Argumenten. Ihm begegnet man mit moralischer Haltung. Weil wir in der Epoche des Moralismus leben und der Ersatzreligion der Selbstgerechtigkeit frönen.
Echte Moral ist eine demütig-stille Angelegenheit. Die Moral sagt: „Ich versuche, ein anständiger Mensch zu sein.“ Moralismus ist dagegen laut und verfemend: „Ich bin ein besserer Mensch als du, und deshalb habe ich das Recht, dich zu ächten.“
Moralismus ist unzweifelhaft der Feind der Demokratie. Für den Moralisten gibt es nur eine Wahrheit, seine eigene. Demokratie aber heißt, – und das weiß jeder, der den Begriff Demokratie buchstabieren kann! – dass keiner die Wahrheit besitzt. In einer authentischen und glaubwürdigen Demokratie wird nach der Wahrheit gesucht, zusammen, im offenen Gespräch, natürlich auch im Streit von Rede und Gegenrede. Der Moralist aber duldet keinen Widerspruch und er ist in seinem Denken ungemein nahe – ohne sich dessen bewusst zu sein! – an tyrannischem und totalitärem Gehabe. Moralismus ist Prinzipienreiterei und ein Schauprozess, in dem der Moralist über andere zu Gericht sitzt, um sich selber zu erhöhen. Der moralische Mensch kämpft für das Gute, auch wenn er dabei schlecht aussieht. Der Moralist will nicht Gutes tun, er will nur gut scheinen.
Das sind die heutigen ungeschminkten bundesrepublikanischen Realitäten. Der Weg aus diesem geistigen Schlamassel wird sich unweigerlich als eine Herkulesarbeit entpuppen. Erforderlich wäre dafür statt der inzwischen peinlich gewordenen moralischen Besserwisserei eine Rückbesinnung auf die heilsame Zugkraft unverstellter intellektueller Demut.
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Nichts ist heute in unserem Lande offensichtlicher als die Selbstblockade einer hilflos polarisierten Gesellschaft. Deutschland leidet unter einer alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringenden Krise. Das Vertrauen der Bürger in die Politik ist im Keller. Den regierenden Parteien wird zunehmend unverhohlen vorgeworfen, dass sie sich den wahren Herausforderungen nicht stellen, sondern die Krisensituation verwalten. Wir werden von einer Regierungsriege geführt, die glaubt, sie müssten bloß regieren und schon seien dadurch alle wirtschaftlichen, sozialen und politischen Errungenschaften einer Demokratie gesichert.
Weit gefehlt!
Demokraten sind naiv, wenn sie glauben, solange der Staat nur in ihrer Hand sei, würden Ordnung, Recht und Freiheit garantiert. Oft lassen sich Demokraten dazu verleiten, Stimmungen im Lande zu ignorieren. Sie bilden sich ein, dass es damit getan ist, wenn „die Richtigen“ regieren. Die Bürger hingegen wollen etwas anderes: dass die Regierenden das Richtige tun. Eine der wesentlichen Schwächen der Demokratie liegt darin, dass Demokraten behaupten, die Demokratie in ihren Händen wäre automatisch ein Garant guten Regierens. Auf diese Weise kann eigenes Versagen schöngeredet werden.
Nun drängt sich die Frage auf, ob die „regierenden Demokraten“ lediglich naiv sind oder eher verantwortungslos, wenn sie z. B. darüber hinwegschauen, dass in der Geschichte die Bedrohung der Demokratie nicht selten vom Staat ausging. Ja, tatsächlich, auch dann, wenn der Staat in der Hand der Demokraten war! Die parlamentarische Demokratie erweist sich nach wie vor als die beste unter sämtlichen fehlerhaft-unvollkommenen Regierungsformen. Sie birgt eigentlich nur zwei ernstliche Gefahren in sich: die übermäßige Verschwendung der Finanzen und die zunehmende Beschränkung der persönlichen Freiheit.
Dafür, dass eine Demokratie scheitert, gibt es zahllose Gründe und Voraussetzungen. Sie sind unterschiedlich von Epoche zu Epoche, von Land zu Land. Aber unumstößlich ist die historische Lehre aus dem Scheitern einer jeder Demokratie, ob antik oder neuzeitlich:
In diesem Versagen steckte jeweils der Keim der künftigen Diktatur.
P.S. Obige Zeilen habe ich vor den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern verfasst. Ich bin genauso verstört wie viele andere Bürger unseres Landes auch. Es kommt mir alles vor wie in einem schlechten Film. Die Partei von Adenauer und Kohl torkelt der selbstverschuldeten und vermutlich nicht umkehrbaren politischen und gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit entgegen, wogegen die kommunistische Volksfront in der deutschen Hauptstadt zu den orientalischen Klängen des Hayaltanzes und unter dem öffentlich-ostentativen Beifall des Chefs des Remmo-Clans ihren Wahlsieg ausgelassen feierte.
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Ich hatte einst ein schönes Vaterland.
Der Eichenbaum
wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft-
es war ein Traum.
Das küßte mich auf deutsch, und sprach auf deutsch
(man glaubt es kaum,
wie gut es klang) das Wort: „Ich liebe dich.“
es war ein Traum.
(Heinrich Heine – Originaltext)