SEHNSUCHT NACH GRENZEN (ein Plädoyer)

Als völlig abwegig, ja absurd, hätte ich in meiner Jugend den Gedanken abgetan, dass es in meinem Leben noch eine Zeit käme, da ich ein Loblied auf Grenzen anstimmen würde. In einem autoritären Regime, das ich vor einem halben Jahrhundert erleben durfte, gehörten geistige und physische Grenzen zu den konstituierenden Stützen des Systems. Den Gedanken waren hier bestens geschützte Grenzen gesetzt, der Bewegungsfreiheit sowieso. Nichts war und ist den Menschen in solchen Gesellschaftsordnungen verhasster als Grenzen.
Seit geraumer Zeit erleben europäische Bürger mit oder ohne autoritäre Vergangenheit die realen Folgen einer leicht wahrnehmbaren Entgrenzung, die sämtliche Lebensbereiche durchdringt. Die Auswirkungen dieses Phänomens des Niederreißens unzähliger normativen Beschränkungen auf das soziale und familiäre Gefüge unserer westlichen Gesellschaft will ich heute links liegen lassen. Versuchen will ich vielmehr, eine Standortbestimmung Europas unter den Prämissen des heute vorherrschenden entgrenzenden Zeitgeistes zu skizzieren.
Dass sich unser Europa des 21. Jahrhunderts unverkennbar in einer allumfassen Krise befindet, kann nur von Einfältigen oder ideologisch Verblendeten geleugnet werden. Unter Europa verstehe ich in diesem Zusammenhang zuvorderst eine Zivilisationsleistung, die über Jahrhunderte von sämtlichen europäischen Völkern in einer gut definierten Form des Zusammenlebens erbracht, gefestigt und bewahrt wurde.
Zu diesen Formen des Miteinanders gehören die Ausbildung von Selbstkontrolle, die Fähigkeit zur Empathie, das Zurückdrängen und die Ächtung der Ausübung privater Gewalt zugunsten des staatlichen Gewaltmonopols. Der europäische Geist beförderte peu à peu durch spezifische institutionelle Konstellationen und neuartige soziale Normen (Inzestverbot, Kleinfamilie, Individualismus) eine typisch europäische Form sozialer Kooperation gepaart mit einer bis dato nicht gekannter Individualverantwortung.
Europa als geistige Entität ist das Ergebnis einer historisch einmaligen Synthese von Glauben, Vernunft und Recht. Der europäische Geist ruht auf drei Säulen:
Jerusalem, Athen und Rom. Das ist es, was Europa einmalig macht.
Jerusalem steht für den Glauben an den personalen Gott, der Schöpfer der Welt als Logos.
Athen weist unwiderlegbar auf die philosophische Vernunft hin, auf die menschliche Fähigkeit, Wahrheit zu suchen und zu erkennen.
Rom steht als romanitas für rechtliche Gestaltung und Klarheit, die eine politische Gemeinschaft als Einheit in Zeit und Raum in feste Bahnen lenkt. Diese drei Säulen bilden als das eine Christentum die geistesgeschichtliche Matrix Europas. Die europäische Zivilisationsleistung als Synthese von Glauben, Vernunft und Recht ist aber weder selbstverständlich noch ist sie universell.
Und eben hierin liegt der Knackpunkt.
Eine Zivilisation kann nur dann bestehen, wenn sie nicht universell ist. Wie auch die individuelle, so auch die Identität einer Zivilisation: Sie entsteht und besteht durch Unterscheidung.
Kurzer Rückblick in die Geschichte:
In der Mozarabischen Chronik von 754 wird zum ersten Mal in der Geschichte der Begriff „europenses“ verwendet. Die Chronik bezeichnet die Kämpfer Karl Martells als europenses, die 732 bei Tours und Poitiers den Vormarsch moslemischer Heere stoppten. Der Begriff war weder ethnisch noch geografisch definiert – er bezeichnete jene, die eine bestimmte Ordnung und eine ganz bestimmte „Welt“ gegen eine existentielle Bedrohung behaupteten.
Diese Ordnung hatte ihre Wurzeln in der römischen Antike. Die Befestigungen des LIMES markierten mehr als einen militärischen Grenzweg – sie definierten eine zivilisatorische Besonderheit. Auf der einen Seite stand die Civilitas, das nach römischem Recht und Gesetz organisierte Leben der Stadt- und Landkultur mit all ihren kulturellen und zivilisatorischen Errungenschaften. Auf der anderen Seite das Barbaricum – anders organisiert, anderes Wertesystem. Das sind Fakten. Keine Wertung. Rom verstand sich durch diese Unterscheidung. Als der Limes fiel, verschwand das römische Selbstverständnis und Rom war dem Untergang geweiht.
Europa hat indes die römische Grenzlogik aus guten Gründen nicht untergehen lassen. Viele Jahrhunderte nach Roms Fall definierte sich Europa durch seine Fähigkeit, ein nunmehr neues Selbstverständnis, die christliche Tradition, zu verteidigen. Die Rückeroberung der Iberischen Halbinsel nach Tours und Poitiers, die Abwehr der Osmanen vor Wien (1529 und 1683), der Kampf gegen die islamischen Barbaresken-Piraten, deren Jagd auf weiße Sklaven bis in den Atlantik reichte – dies alles waren Momente, in denen Europa sich durch den Gegensatz zu einer expansiven, feidlichen Ordnung konstituierte.
Und nun das. Unsere Gegenwart.
Der liberale Kosmopolitismus der letzten Jahrzehnte hat diese mehr als tausendjährige Logik und die geistige Klammer, die Europa zusammenhielt, als reaktionär verworfen. An ihrer Stelle trat die Idee der universellen Offenheit.
Jede Kultur und jede Zivilisation benötigt zur Selbstbehauptung Grenzen. Das Dogma der Offenheit hat die Grenzen aufgelöst. Es ist aber so wie bei einem Individuum:
„Ohne Grenze kein Innen. Ohne Innen kein Ich.“
Mit anderen Worten: Eine Struktur ohne Grenzen befindet sich stets in einem Zustand strukturloser Auflösung.(Anomie)
Hier drängt sich die Frage auf:
Was war das eigentlich, was Menschen über Jahrhunderte nach London und Paris, nach Wien oder nach Berlin zog?
Es war keineswegs die Grenzenlosigkeit der amorphen Global City. Es war das zutiefst Europäische: die Ordnung des öffentlichen Raums, die Verlässlichkeit des Rechts, der Schutz des Eigentums, das sukzessive Zurückdrängen privater Gewalt.
Wie in den Jahren vor dem 11. September 2001 ignoriert der Westen die gegen die ureigenen europäischen Werte gerichtete Kriegserklärung, die nicht selten in einer raffiniert verschleierten Form daherkommt.
Die Zeichen sind überall sichtbar. Die Bereitschaft zur Verteidigung hingegen tendiert gegen Null. Noch.
Menschen mit radikal-islamischen Grundüberzeugungen üben Gewalt aus. Sie wollen Zeichen setzen und aufzeigen: Die (west)europäischen Staaten können ihre Bürger nicht mehr schützen, ihre Ideologie versucht, den europäischen Staat als impotent zu entlarven. Hier das neueste Beispiel: Man betrachte lediglich die Folgen der Siege oder Niederlagen arabischer Fußballnationalmannschaften in den westeuropäischen Städten. Große Gruppen junger Männer beanspruchen mit dezidiert zerstörerischen Absichten den Straßenraum, missachten ungeniert die Anweisungen der Polizei, greifen Ordnungskräfte auf z.T. rabiate Weise an. Sie testen die Durchsetzungsfähigkeit und den Durchsetzungswillen des Staates. Ein Fußballspiel in Nordamerika genügt, um den Ausnahmezustand in Paris, Amsterdam, Den Haag, London oder Düsseldorf herbeizuführen. Der französische Staat behandelte das Viertelfinalspiel zwischen Frankreich und Marokko als das, was es war und ist: eine nationale Gefahrenlage. (So nebenbei: hat man nach Spielen arabischer Mannschaften von derartigen Eskalationen in Prag, Budapest oder Warschau gehört?)
Die oben erwähnte Impotenz ist die Folge der unbedingten Offenheit, der von vielen bejubelten Entgrenzung und der – historisch betrachtet – selbstmörderischen Weigerung, die eigene europäische Ordnung durchzusetzen, die von zahlreichen Generationen in opferreichen Kämpfen errungen wurde. Sie, die Impotenz, ist auch ein Ausdruck einer offensichtlichen Krise des Gedächtnisses. Europa verliert die Kenntnis seiner eigenen Quellen, verachtet all das, was den europäischen Geist groß gemacht hat. Eine Zivilisation, die ihr Gedächtnis verliert, vergisst ihren Maßstab für Rechtschaffenheit und Wahrheit und degeneriert zu einer technisch verwalteten Ordnung.
Definitiv begünstigt wird diese Impotenz von der tiefen Spaltung der westlichen Gesellschaften, die auf einen fundamentalen Konflikt zweier Weltsichten zurückzuführen ist.
Die „begrenzte Weltsicht“ geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus fehlerhaft ist. Sein Wille und insbesondere seine Leidenschaften sind nicht zuverlässig moralisch, und seiner Vernunft sind derweil klare Grenzen gesetzt. Ordnung entsteht also nicht aus hehren Absichten, sondern stabilen Institutionen, gewachsenen Traditionen, aus Recht und Begrenzung.
Die „unbegrenzte Weltsicht“ hingegen unterstellt, der Mensch sei im Kern gut und vor allem unbegrenzt formbar. Wenn er destruktiv handelt, so liegt das nicht an ihm, sondern an den falschen Strukturen. Nicht der Mensch muss sich der Ordnung anpassen, sondern die Ordnung dem Menschen. Soziale und politische Konflikte erscheinen in dieser Perspektive nicht als problembeladene Situationen, sondern als technische Aufgaben, die sich durch administrative Steuerung aber vor allem durch moralische Umerziehung lösen lassen. Dass aus dieser zweifelsfrei utopischen Anthropologie zwangsläufig eine Politik der umfassenden Entgrenzung folgen muss, liegt auf der Hand. Wenn es keine verlässlichen menschlichen Beschränkungen gibt, erscheinen sämtliche Grenzen als illegitim: Staatsgrenzen, ökonomische Determinanten, kulturelle und moralische Normen, energetische Realitäten.
Letztlich geht es also um die „europäische Kernfrage“:
Bewahrung der einmaligen kulturellen Leistungen unserer Vorfahren insbesondere der Generationen der letzten fünf Jahrhunderte, oder die schnöde Selbstaufgabe vorangetrieben von einer alle Lebensbereiche durchsetzenden Ideologie der geistig-moralischen Verwahrlosung?
Europa braucht erneut den LIMES.
Den Limes nach außen, der physisch ist und der nur jenen Zutritt gewährt, die europäischen Geist und Werte schätzen.
Und den Limes nach innen: Dieser ist normativ und duldet keine alternative Rechtsordnung (Scharia). Assimilation ist keine Option, sondern Pflicht. Wer hierherkommt und hier bleiben will, muss die europäische Ordnung akzeptieren: in Sprache, Recht und Lebensweise.
Der Limes nach außen und der Limes nach innen setzt der unbegrenzten Weltsicht klare Grenzen. Gegenstand der Politik ist weder die psychologische Zurichtung des Bürgers, noch die Rettung des Weltklimas, nicht die Beseitigung aller Fluchtursachen oder globale Armut.
Ihre Sorge sollte zuerst der Sicherheit, der Freiheit und des Wohlstandes der europäischen Bürger gelten.
Erst danach darf alles andere in Betracht gezogen werden.
Helmut Schmidts hellsichtigen Worte: „Wenn halb Kalkutta nach Hamburg kommt, dann ist Hamburg nicht mehr Hamburg“ haben nichts an ihrer prophetischen Weitsicht eingebüsst. Gleichzeitig gilt leider nach wie vor – seit 2000 Jahren! – das Wort der Evangelien: „Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Haus“.
Europa ist wieder auf den inneren und den äußeren Limes angewiesen.
Kulturelles und geistiges Selbstverständnis ohne Grenzschutz ist schutz- und wehrlos.
Grenzschutz ohne kulturelle Substanz ist vergeblich.
Die unbegrenzte Weltsicht ist eine jener Fallen, die die Geschichte erprobten, gleichzeitig aber überreifen Zivilisationen gerne stellt.
Um ihr Rückgrat zu brechen.
Diese in einem bestimmten Sinne suizidale Weltsicht produziert seit drei Jahrzehnten jene politischen, sozialen und wirtschaftlichen Großexperimente, die den Westen im 21. Jahrhundert prägen.
Durch diese entgrenzte utopische Weltsicht wird die europäische Zivilisation nicht reformiert.
Sie wird schlicht und einfach unterminiert.

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