Wird es eine „Renovatio Europae“ geben? (Teil I)
Ich erlaube mir, nachfolgend einige Termini relativ arbiträr aber natürlich nicht ohne Hintergedanken aufzuzählen:
Krise der kulturellen Identität
Niedergang der traditionellen Religion
Zerfall der Familie
Sinkende Geburtenraten
Massenmigration
Soziale Polarisierung
Wachsende Kriminalität
Asymmetrische Kriege
Globalisierung
Alles bekannt, oder? Die Auflistung hängt einem zu Recht zum Hals heraus! Eine einfallslose und überflüssige Aufzählung von Fakten, die jedem von uns allzu gut bekannt sind!
Doch, halt! In der Tat: Alles, was in der obigen Liste steht, sind Phänomene, die unser alltägliches Leben hier und heute bestimmen. Nichts Neues also. Ein Schlaglicht aus einer anderen Perspektive zeigt allerdings eine eher unerwartete Erkenntnis: Die gleichen Phänomene galten, eins zu eins übernommen, ab der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. auch für den Zustand einer anderen, für Europas Geschichte entscheidenden historischen Entität: das Römische Reich.
Vorab eine Klarstellung: Mir ist bewusst, dass interkulturelle historische Vergleiche stets mit gebührender Vorsicht zu handhaben sind. Gleichwohl: Sie absolut nicht gelten zu lassen und sie somit zu ignorieren, ist auch nicht gerade der Weisheit letzter Schluss. In Kreisen der Historikerzunft sind solche Vergleiche umstritten, aber keineswegs verpönt, solange Spuren wissenschaftlicher Rechtschaffenheit zu erkennen sind.
Interkulturelle Vergleiche haben indes Einzug gefunden auch ins öffentliche Bewusstsein. Man möge sich lediglich an Guido Westerwelles Ausspruch von der „spätrömischen Dekadenz“ erinnern, der lebhafte, kontroverse Diskussionen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft ausgelöst hat. Vollständig hieß es bei dem FDP-Politiker: „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, der lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“
Nun denn, zurück zum römischen Imperium im 1. Jahrhundert v. Chr.
Die unmittelbaren Folgen jener Phänomene, die ich eingangs aufgelistet habe, waren für das römische Reich eine generationenübergreifende Zeitspanne politischer, wirtschaftlicher und kultureller Krisen, also Zeiten von steten inneren Unruhen und Bürgerkriegen, die schließlich in der Übernahme der Macht durch ein autoritäres, konservatives, plebiszitäres Regime, als das einzige Mittel um zwischen den rivalisierenden Gruppen zu vermitteln, mündeten.
Wenn nunmehr der Versuch unternommen wird, die interkulturellen Vergleiche dazu zu nutzen, gleichsam den roten Faden in der Entwicklung jeder großen bis heute bekannten Zivilisation zu erkennen, kommt man nicht umhin zu der Erkenntnis, dass sämtliche nennenswerten Zivilisationen von der Abfolge bestimmter Entwicklungsphasen geprägt sind, die mit den bekannten hegelschen Kategorien der Dialektik (These, Antithese, Synthese) relativ mühelos in einen gedanklichen Einklang gebracht werden können.
Die nachfolgend von mir dargebotenen historisch-kulturellen Positionen entspringen unvermeidlich geistigen Anlehnungen an einem bemerkenswerten Gedankenkonstrukt des von mir hochgeschätzten deutsch-belgischen Historikers David Engels.
Engels vertritt die Meinung, dass alle großen Zivilisationen von einer relativ leicht auszumachenden Abfolge gut definierter, gewissermaßen dialektisch vorbedingter Phasen geprägt sind: Einer ersten Zeit der „These“, die durch die Bedeutung der Transzendenz gekennzeichnet ist, einer zweiten Epoche der „Antithese“, die dem Rationalismus frönt, um schließlich in eine Spätphase der „Synthese“ zu münden, deren Endphase durch eine kurze „bewusste“ Rückkehr zur Tradition charakterisiert ist. Der weitere jeweilige zivilisatorische Fortgang findet – im besten Falle! – seinen Abschluss in einer Art posthistorischem Zustand der langsamen und unentrinnbaren Versteinerung.
Engels postuliert: Das Abendland kann und wird keine Ausnahme von dieser Regel darstellen! Seine „Beweisführung“ ist virtuos, faszinierend und nachvollziehbar. Aber auch provokant und somit durch und durch herausfordernd!
Zuerst sucht er nach den Wurzeln jener Mentalität, die den europäischen Geist seit jeher auszeichnet und ihn vom den anderen Zivilisationen unterscheidet. Er findet die Antwort in der „faustischen Persönlichkeit“, die sich durch einen fast schon zwanghaften Drang nach Erkenntnis, nach Unendlichkeit und letztlich nach ultimativer Überschreitung auszeichnet. In den Jahrhunderten mittelalterlicher Blüte richtete sich dieser einmalig umtriebige Geist auf GOTT, in der zweiten Phase, also spätestens ab dem 18. Jahrhundert, die den Anfängen der europäischen Moderne entspricht, auf die MATERIE. Die gotische Kathedrale und der amerikanische Wolkenkratzer: Sie sind Sinnbilder dieser Entwicklung und widerspiegeln lediglich die zwei Seiten derselben Medaille. These und Antithese.
Aus dieser Perspektive betrachtet, scheint sich die abendländische Zivilisation heute der finalen Phase (Synthese) zu nähern.
Wir sind Zeitgenossen der hanebüchenen Auswüchse und der geistigen Verirrungen und Verrenkungen, die allesamt Folgeerscheinungen des hemmungslosen Auslebens der materialistischen, pseudohumanistischen, rationalistischen und universalistischen Phase der Antithese sind. Hierbei möge lediglich der Wokismus Erwähnung finden als ultimativer Kulminationsgipfel dieser zivilisatorischen Kontrollverluste, der aber aktuell auf dem besten Wege ist, sich selbst ad absurdum zu führen und alle Gewissheiten mit sich zu reißen, auf denen die moderne europäische Welt seit einem halben Jahrtausend errichtet wurde. Unverkennbar sind aber auch überall in Europa die zarten Anzeichen des Erwachens und des Wunsches nach einer Rückbesinnung. Der bis zur Absurdität getriebene seelenlose Rationalismus der letzten Jahrzehnte zwingt nicht wenige Zeitgenossen zur Einsicht, dass das vermeintlich alle und alles selig machende pseudohumanistische Projekt gescheitert ist und nur eine Rückkehr zu den Traditionen, die voreilig und fahrlässig auf die Müllhalden der Geschichte aussortiert wurden, eine solide Grundlage bieten können, um unsere Zivilisation wieder zu stabilisieren.
Wohlgemerkt: zu stabilisieren. Von einer Rettungsaktion ist da nicht die Rede …
Echte, ursprüngliche Tradition ist alternativlos und ihre Perpetuierung geschieht organisch und instinktiv. Eine egal wie geartete Rückkehr zu alten Traditionen ist jedoch für das künftige Europa unstrittig ausgeschlossen. Engels postuliert: Es muss und es wird eine „bewusste“ Rückkehr zu traditionellen Werten stattfinden, nicht instinktiv, weder gesetz- noch naturgemäß, sondern tief rational und dadurch teilweise artifiziell (Hier erkennt Engels eine deutliche Parallelität zur „Kulturpolitik“ des Kaisers Augustus). In diesem Zusammenhang ist es unabdingbar, dass die Europäer sich wieder zum Ziel setzen, stolze „echte Abendländer“ zu werden, bar jedweder Quelle von selbst gehässiger Verlegenheit oder gar schlechtem Gewissen. Voraussetzung einer solchen Entwicklung ist das Vorhandensein eines entsprechenden politischen Willens, außerdem die Gewährleistung der Heranbildung und Formung von soliden (europa)patriotischen Eliten, die imstande und willens sind, die Massen auf einen gewissen kulturellen Patriotismus einzuschwören. Die historische Übergangsperiode von den letzten Exzessen der woken Antithese zur endgültigen traditionalistischen Synthese unserer europäischen Zivilisation wird nur durch einen unverfälschten gemeinsamen abendländischen Patriotismus und damit durch die enge Zusammenarbeit zwischen den „letzten“ Europäern aller Nationen bewältigt werden können.
Eine solch enorme Herausforderung kann aber weder der „Europäismus“ der zutiefst subsidiaritäts-und nationalfeindlich gesinnten Brüsseler Behörde noch ein neugestalteter nationalstaatlicher Souveränismus der einzelnen europäischen Staaten bewerkstelligen.
Die Zukunft Europas hängt davon ab, ob die Völker des alten Kontinents willens und fähig sind, zu einem wirkungsvollen identitären europäischen Patriotismus zu finden.
(Fortsetzung folgt)