{"id":991,"date":"2017-07-29T19:01:04","date_gmt":"2017-07-29T16:01:04","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=991"},"modified":"2017-07-29T19:01:04","modified_gmt":"2017-07-29T16:01:04","slug":"991-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2017\/07\/29\/991-2\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Wenn man das Gl\u00fcck und die M\u00f6glichkeit hat,\u00a0 einige Tage italienische Landschaften zu durchstreifen,\u00a0 durch kleine St\u00e4dte und verschlafene D\u00f6rfer zu schlendern,\u00a0 die malerisch oft an H\u00fcgelh\u00e4ngen kleben,\u00a0 kann man gar nicht umhin,\u00a0 irgendwo kurz nach Sonnenuntergang einer religi\u00f6sen Prozession zu begegnen.\u00a0 Dabei wird auf M\u00e4nnerschultern eine Heiligenfigur durch die von Menschen ges\u00e4umten Stra\u00dfen getragen\u00a0 stets von einer Musikkapelle begleitet und einem Gl\u00e4ubigertross gefolgt.<\/p>\n<p>Es sind Momente,\u00a0 da scheint die Zeit still zu stehen.\u00a0 Der mittelalterliche Geist,\u00a0 den die meisten italienischen Ortschaften unaufdringlich ausstrahlen,\u00a0 potenziert sich und gebietet,\u00a0 den historischen Bogen weit hinaus \u00fcber das Italienische zu erweitern.\u00a0 So geschehen vor 8 Wochen in einer umbrischen Kleinstadt,\u00a0 wo ich den\u00a0 Augenblick,\u00a0 meine Gedanken schweifen zu lassen,\u00a0 gerne wahrgenommen habe.<\/p>\n<p>Sie sind an dem deutschen M\u00f6nch h\u00e4ngen geblieben,\u00a0 der vor mehr als 500 Jahren umbrische W\u00e4lder und Olivenhaine hat durchqueren und wo ihm gewi\u00df \u00e4hnliche Prozessionen begegnet haben m\u00fcssen,\u00a0 um an sein Ziel zu gelangen:\u00a0 die Ewige Stadt.<\/p>\n<p>Unser Reformator.\u00a0 Als unbekannter und unbedeutender\u00a0 M\u00f6nch\u00a0 macht er sich vor mehr als 5 Jahrhunderten auf den Weg nach Rom.\u00a0 Kaum ist er da angekommen,\u00a0 muss die geistige und geistliche Ern\u00fcchterung ziemlich heftig gewesen sein.\u00a0 Hier hat die Reformation gleichsam ihren Anfang:\u00a0 die Wittenberg-Szene im Oktober 1517 ist eine logische Folge des\u00a0 Aufenthalts in Rom.\u00a0 Luthers &#8222;Italienische Reise&#8220; ist <strong>eines<\/strong> der Ausgangspunkte dessen,\u00a0 was wir in diesem Jahr als Reformationsjubil\u00e4um feiern.<\/p>\n<p>Aber:\u00a0 was feiern wir eigentlich?<\/p>\n<p>Es w\u00e4re sehr zu begr\u00fcssen,\u00a0 und es t\u00e4te uns allen gut,\u00a0 wenn wir versuchen w\u00fcrden,\u00a0 gesellschaftliche und historische Ereignisse so weit wie m\u00f6glich &#8222;objektiv&#8220; also losgel\u00f6st von heutigen Sichtweisen zu beurteilen.\u00a0 Mit anderen Worten:\u00a0 Historisches nicht strikt durch das Filter gegenw\u00e4rtigen nur f\u00fcr unsere Zeiten massgeblichen Denkens zu betrachten.<\/p>\n<p>Das Lutherjahr soll\u00a0 Martin Luther gerecht werden.<\/p>\n<p>Um es vorweg zu nehmen:\u00a0 eine durch und durch s\u00e4kularisierte Welt wie die unsere kann Martin Luther definitiv nicht gerecht werden.\u00a0 S\u00e4mtliche Versuche sind zum Scheitern verurteilt,\u00a0 wenn man nicht wirklich im Stande ist, \u00a0 nach zu vollziehen,\u00a0 worin Luthers und der anderen Reformatoren gr\u00f6\u00dfte Leistung bestand.\u00a0 Es kann einfach nicht wirklich funktionieren:\u00a0 Historisches durch die Gegenwartsbrille betrachten und erkl\u00e4ren zu wollen.<\/p>\n<p>Der transzendentale Ansatz im menschlichen Geist,\u00a0 der Versuch und die ehrliche Hingabe\u00a0 sich mit dem undenkbar Undenkbarsten auseinander zu setzen,\u00a0 ist europ\u00e4ischen Gesellschaften zum gro\u00dfen Teil l\u00e4ngst abhanden gekommen.<\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen &#8222;Glaube&#8220; ist merkw\u00fcrdigerweise aber nie abhanden gekommen.\u00a0 Lediglich die Glaubensinhalte haben sich im Laufe der Zeit mit fast jeder neuen Generation gewandelt.\u00a0 Ein G\u00f6tze nach dem anderen folgte in einer schier unendlichen Reihenfolge und sie alle haben nie gehalten,\u00a0 was sie einst versprachen.\u00a0 Was G\u00f6tzenanbetung anbelangt macht unsere Welt keine Ausnahme.\u00a0 Im Gegenteil.\u00a0 Noch nie war die Anzahl der anbetungsw\u00fcrdigen G\u00f6tzen so mannigfach und zahlreich wie in der heutigen Zeit.<\/p>\n<p>So gesehen ist es geradezu\u00a0 zweck- und wirkungslos,\u00a0 Luthers wirkliche Leistung in Erinnerung zu rufen.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz:\u00a0 ich tue es.\u00a0 Auch deshalb,\u00a0 weil mir Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit dem undenkbar Undenkbarsten fremd sind.<\/p>\n<p>Was hat er also reformiert?\u00a0 (Nebenbei sei vermerkt:\u00a0 der Begriff &#8222;reformieren&#8220; ist nicht eine Entlehnung aus dem Lateinischen,\u00a0 sondern eine Erfindung deutscher Latinisten.)\u00a0 Hat der deutsche M\u00f6nch den Glauben reformiert? Mitnichten.\u00a0 Er hat die von Menschen um den ur-christlichen Glauben herum aufgerichtete Zwangsjacke beseitigt,\u00a0 er hat die von vielen Menschengenerationen vor ihm errichtete Ummantelung des reinen urspr\u00fcnglichen Glaubens mit unsinnigem und dadurch nutzlosem geistigen und geistlichen M\u00fcll gesprengt.<\/p>\n<p>Es war Luthers tiefste \u00dcberzeugung,\u00a0 dass Gott selbst festgelegt hat,\u00a0 was f\u00fcr alle Menschen wahr und wirklich ist und was gilt.<\/p>\n<p><strong>Und dass es die W\u00fcrde eines jeden Individuums ist,\u00a0 darauf in uneingeschr\u00e4nkter Freiheit antworten zu d\u00fcrfen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Solus Christus<\/strong> &#8211; so haben Luther und alle anderen Reformatoren eine ihrer Kernaussagen auf den Punkt gebracht. Wen ficht das heute noch an?\u00a0 Wer kennt noch die anderen drei Kernaussagen der Reformation?<\/p>\n<p>Sola gratia.\u00a0 Sola scriptura.\u00a0 Sola fide.<\/p>\n<p>Unsere s\u00e4kularisierte &#8211; auf gut deutsch:\u00a0 gottesferne &#8211; Welt tut so,\u00a0 als ob sie Luther feiert.\u00a0 Der unserem Zeitgeist entsprechende kritische Geist feiert den entkernten Luther und sucht,\u00a0 weil verbissene kritische Unnachgiebigkeit heute als das einzige G\u00fctesiegel intellektueller Daseinsberechtigung gilt,\u00a0 nach dem sprichw\u00f6rtlichen Haar in der Suppe.\u00a0 So ist z. B. Luthers Antisemitismus fast schon entscheidendes Urteilskriterium seiner\u00a0 einmaligen Lebensleistung.\u00a0 Das ist auch leicht nachzuvollziehen,\u00a0 wenn man mit Luthers alles entscheidendem\u00a0 <strong>Solus Christus<\/strong> nichts anfangen kann.<\/p>\n<p>Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar.\u00a0 So sehr dieser Satz f\u00fcr unsere westliche Zivilisation als sakrosankt und die heilige Kuh des der Aufkl\u00e4rung geschuldeten Geistes gilt,\u00a0 so n\u00fcchtern muss festgestellt werden,\u00a0 dass diese W\u00fcrde,\u00a0 verliehen von Menschen an Menschen,\u00a0 tausendfach unentwegt zu allen Zeiten und in allen gesellschaftlichen Ordnungen verletzt wurde und wird.\u00a0 Nie wurde diese hehre Idee heiliges, unverletzbares Leitbild.\u00a0 Die W\u00fcrde des Menschen wurde und wird immerfort und unentwegt verletzt.<\/p>\n<p>Es ist merkw\u00fcrdig.\u00a0 Aber es geh\u00f6rt zu Luthers tiefster \u00dcberzeugung:\u00a0 Gott hat die W\u00fcrde des Menschen und seinen freien Willen niemals angetastet.\u00a0 Der allm\u00e4chtige Gott,\u00a0 lehrte uns der deutsche M\u00f6nch,\u00a0 setzt sich selbst die Grenze:\u00a0 <strong>den freien Willen,\u00a0 den Er dem Menschen gegeben hat<\/strong>.<\/p>\n<p>Allein schon diese \u00dcberlegungen machen Lust,\u00a0 sich wieder dem Ungreifbaren und Unverf\u00fcgbaren zu n\u00e4hern.\u00a0 Es w\u00e4re sehr in Luthers Sinne.\u00a0<strong> Dann und nur dann<\/strong>\u00a0 d\u00fcrften wir behaupten,\u00a0 dass wir ihn geb\u00fchrend und angemessen feiern.<\/p>\n<p>Dazu folgendes Zitat:<\/p>\n<p>&#8222;Je mehr man sich mit der Welt besch\u00e4ftigt,\u00a0 je mehr man sich damit auseinandersetzt,\u00a0 was gut ist und was b\u00f6se,\u00a0 und je mehr man sich den gro\u00dfen moralischen Fragen der Gegenwart stellen muss,\u00a0 umso wichtiger ist der Stern,\u00a0 der einen leitet.&#8220;.\u00a0 Was der Urheber dieser Zeilen mit dem &#8222;Stern&#8220; meint,\u00a0 bleibt sein Geheimnis.\u00a0 Ich glaube aber nicht,\u00a0 dass er damit den Polarstern oder irgend einen anderen Himmelsk\u00f6rper im Sinne hatte.<\/p>\n<p>Die Worte stammen \u00fcbrigens nicht von einem Geistlichen.\u00a0 Auch nicht von einem mittelalterlichen Mystiker.<\/p>\n<p>Es sind Worte von Barack Obama.<\/p>\n<p>Sie w\u00fcrden sich &#8211; bei einer Mass Bier &#8211;\u00a0 vermutlich gut verstehen:\u00a0 Martin und Barack.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man das Gl\u00fcck und die M\u00f6glichkeit hat,\u00a0 einige Tage italienische Landschaften zu durchstreifen,\u00a0 durch kleine St\u00e4dte und verschlafene D\u00f6rfer zu schlendern,\u00a0 die malerisch oft an H\u00fcgelh\u00e4ngen kleben,\u00a0 kann man gar nicht umhin,\u00a0 irgendwo kurz nach Sonnenuntergang einer religi\u00f6sen Prozession zu begegnen.\u00a0 Dabei wird auf M\u00e4nnerschultern eine Heiligenfigur durch die von Menschen ges\u00e4umten Stra\u00dfen getragen\u00a0&hellip; <a href=\"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2017\/07\/29\/991-2\/\" class=\"more-link\">Weiterlesen <span class=\"screen-reader-text\"><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[46,58,65],"class_list":["post-991","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-luther","tag-obama","tag-reformation"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/991","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=991"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/991\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=991"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=991"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=991"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}