{"id":5202,"date":"2026-07-17T13:01:51","date_gmt":"2026-07-17T11:01:51","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=5202"},"modified":"2026-07-17T13:06:10","modified_gmt":"2026-07-17T11:06:10","slug":"5202","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2026\/07\/17\/5202\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>SEHNSUCHT NACH GRENZEN (ein Pl\u00e4doyer)<\/p>\n<p>Als v\u00f6llig abwegig, ja absurd, h\u00e4tte ich in meiner Jugend den Gedanken abgetan, dass es in meinem Leben noch eine Zeit k\u00e4me, da ich ein Loblied auf Grenzen anstimmen w\u00fcrde. In einem autorit\u00e4ren Regime, das ich vor einem halben Jahrhundert erleben durfte, geh\u00f6rten geistige und physische Grenzen zu den konstituierenden St\u00fctzen des Systems. Den Gedanken waren hier bestens gesch\u00fctzte Grenzen gesetzt, der Bewegungsfreiheit sowieso. Nichts war und ist den Menschen in solchen Gesellschaftsordnungen verhasster als Grenzen.<br \/>\nSeit geraumer Zeit erleben europ\u00e4ische B\u00fcrger mit oder ohne autorit\u00e4re Vergangenheit die realen Folgen einer leicht wahrnehmbaren  Entgrenzung, die s\u00e4mtliche Lebensbereiche durchdringt. Die Auswirkungen dieses Ph\u00e4nomens des Niederrei\u00dfens unz\u00e4hliger normativen Beschr\u00e4nkungen auf das soziale und famili\u00e4re Gef\u00fcge unserer westlichen Gesellschaft will ich heute links liegen lassen. Versuchen will ich vielmehr, eine Standortbestimmung Europas unter den Pr\u00e4missen des heute vorherrschenden entgrenzenden Zeitgeistes zu skizzieren.<br \/>\nDass sich unser Europa des 21. Jahrhunderts unverkennbar in einer allumfassen Krise befindet, kann nur von Einf\u00e4ltigen oder ideologisch Verblendeten geleugnet werden. Unter Europa verstehe ich in diesem Zusammenhang zuvorderst eine Zivilisationsleistung, die \u00fcber Jahrhunderte von s\u00e4mtlichen europ\u00e4ischen V\u00f6lkern in einer gut definierten Form des Zusammenlebens erbracht, gefestigt und bewahrt wurde.<br \/>\nZu diesen Formen des Miteinanders geh\u00f6ren die Ausbildung von Selbstkontrolle, die F\u00e4higkeit zur Empathie, das Zur\u00fcckdr\u00e4ngen und die \u00c4chtung der Aus\u00fcbung privater Gewalt zugunsten des staatlichen Gewaltmonopols. Der europ\u00e4ische Geist bef\u00f6rderte peu \u00e0 peu durch spezifische institutionelle Konstellationen und neuartige soziale Normen (Inzestverbot, Kleinfamilie, Individualismus) eine typisch europ\u00e4ische Form sozialer Kooperation gepaart mit einer bis dato nicht gekannter Individualverantwortung.<br \/>\nEuropa als geistige Entit\u00e4t ist das Ergebnis einer historisch einmaligen Synthese von Glauben, Vernunft und Recht. Der europ\u00e4ische Geist ruht auf drei S\u00e4ulen:<br \/>\nJerusalem, Athen und Rom. Das ist es, was Europa einmalig macht.<br \/>\nJerusalem steht f\u00fcr den Glauben an den personalen Gott, der Sch\u00f6pfer der Welt als Logos.<br \/>\nAthen weist unwiderlegbar auf die philosophische Vernunft hin, auf die menschliche F\u00e4higkeit, Wahrheit zu suchen und zu erkennen.<br \/>\nRom steht als romanitas f\u00fcr rechtliche Gestaltung und Klarheit, die eine politische Gemeinschaft als Einheit in Zeit und Raum in feste Bahnen lenkt. Diese drei S\u00e4ulen bilden als das eine Christentum die geistesgeschichtliche Matrix Europas. Die europ\u00e4ische Zivilisationsleistung als Synthese von Glauben, Vernunft und Recht ist aber weder selbstverst\u00e4ndlich noch ist sie universell.<br \/>\nUnd eben hierin liegt der Knackpunkt.<br \/>\nEine Zivilisation kann nur dann bestehen, wenn sie nicht universell ist. Wie auch die individuelle, so auch die Identit\u00e4t einer Zivilisation: Sie entsteht und besteht durch Unterscheidung.<br \/>\nKurzer R\u00fcckblick in die Geschichte:<br \/>\nIn der Mozarabischen Chronik von 754 wird zum ersten Mal in der Geschichte der Begriff &#8222;europenses&#8220; verwendet. Die Chronik bezeichnet die K\u00e4mpfer Karl Martells als europenses, die 732 bei Tours und Poitiers den Vormarsch moslemischer Heere stoppten. Der Begriff war weder ethnisch noch geografisch definiert &#8211; er bezeichnete jene, die eine bestimmte Ordnung und eine ganz bestimmte &#8222;Welt&#8220; gegen eine existentielle Bedrohung behaupteten.<br \/>\nDiese Ordnung hatte ihre Wurzeln in der r\u00f6mischen Antike. Die Befestigungen des LIMES markierten mehr als einen milit\u00e4rischen Grenzweg &#8211; sie definierten eine zivilisatorische Besonderheit. Auf der einen Seite stand die Civilitas, das nach r\u00f6mischem Recht und Gesetz organisierte Leben der Stadt- und Landkultur mit all ihren kulturellen und zivilisatorischen Errungenschaften. Auf der anderen Seite das Barbaricum &#8211; anders organisiert, anderes Wertesystem. Das sind Fakten. Keine Wertung. Rom verstand sich durch diese Unterscheidung. Als der Limes fiel, verschwand das r\u00f6mische Selbstverst\u00e4ndnis und Rom war dem Untergang geweiht.<br \/>\nEuropa hat indes die r\u00f6mische Grenzlogik aus guten Gr\u00fcnden nicht untergehen lassen. Viele Jahrhunderte nach Roms Fall definierte sich Europa durch seine F\u00e4higkeit, ein nunmehr neues Selbstverst\u00e4ndnis, die christliche Tradition, zu verteidigen. Die R\u00fcckeroberung der Iberischen Halbinsel nach Tours und Poitiers, die Abwehr der Osmanen vor Wien (1529 und 1683), der Kampf gegen die islamischen Barbaresken-Piraten, deren Jagd auf wei\u00dfe Sklaven bis in den Atlantik reichte &#8211; dies alles waren Momente, in denen Europa sich durch den Gegensatz zu einer expansiven, feidlichen Ordnung konstituierte.<br \/>\nUnd nun das. Unsere Gegenwart.<br \/>\nDer liberale Kosmopolitismus der letzten Jahrzehnte hat diese mehr als tausendj\u00e4hrige Logik und die geistige Klammer, die Europa zusammenhielt, als reaktion\u00e4r verworfen. An ihrer Stelle trat die Idee der universellen Offenheit.<br \/>\nJede Kultur und jede Zivilisation ben\u00f6tigt zur Selbstbehauptung Grenzen. Das Dogma der Offenheit hat die Grenzen aufgel\u00f6st. Es ist aber so wie bei einem Individuum:<br \/>\n&#8222;Ohne Grenze kein Innen. Ohne Innen kein Ich.&#8220;<br \/>\nMit anderen Worten: Eine Struktur ohne Grenzen befindet sich stets in einem Zustand strukturloser Aufl\u00f6sung.(Anomie)<br \/>\nHier dr\u00e4ngt sich die Frage auf:<br \/>\nWas war das eigentlich, was Menschen \u00fcber Jahrhunderte nach London und Paris, nach Wien oder nach Berlin zog?<br \/>\nEs war keineswegs die Grenzenlosigkeit der amorphen Global City. Es war das zutiefst Europ\u00e4ische: die Ordnung des \u00f6ffentlichen Raums, die Verl\u00e4sslichkeit des Rechts, der Schutz des Eigentums, das sukzessive Zur\u00fcckdr\u00e4ngen privater Gewalt.<br \/>\nWie in den Jahren vor dem 11. September 2001 ignoriert der Westen die gegen die ureigenen europ\u00e4ischen Werte gerichtete Kriegserkl\u00e4rung, die nicht selten in einer raffiniert verschleierten Form daherkommt.<br \/>\nDie Zeichen sind \u00fcberall sichtbar. Die Bereitschaft zur Verteidigung hingegen tendiert gegen Null. Noch.<br \/>\nMenschen mit radikal-islamischen Grund\u00fcberzeugungen \u00fcben Gewalt aus. Sie wollen Zeichen setzen und aufzeigen: Die (west)europ\u00e4ischen Staaten k\u00f6nnen ihre B\u00fcrger nicht mehr sch\u00fctzen, ihre Ideologie versucht, den europ\u00e4ischen Staat als impotent zu entlarven. Hier das neueste Beispiel: Man betrachte lediglich die Folgen der Siege oder Niederlagen arabischer Fu\u00dfballnationalmannschaften in den westeurop\u00e4ischen St\u00e4dten. Gro\u00dfe Gruppen junger M\u00e4nner beanspruchen mit dezidiert zerst\u00f6rerischen Absichten den Stra\u00dfenraum, missachten ungeniert die Anweisungen der Polizei, greifen Ordnungskr\u00e4fte auf z.T. rabiate Weise an. Sie testen die Durchsetzungsf\u00e4higkeit und den Durchsetzungswillen des Staates. Ein Fu\u00dfballspiel in Nordamerika gen\u00fcgt, um den Ausnahmezustand in Paris, Amsterdam, Den Haag, London oder D\u00fcsseldorf herbeizuf\u00fchren. Der franz\u00f6sische Staat behandelte das Viertelfinalspiel zwischen Frankreich und Marokko als das, was es war und ist: eine nationale Gefahrenlage. (So nebenbei: hat man nach Spielen arabischer Mannschaften von derartigen Eskalationen in Prag, Budapest oder Warschau geh\u00f6rt?)<br \/>\nDie oben erw\u00e4hnte Impotenz ist die Folge der unbedingten Offenheit, der von vielen bejubelten Entgrenzung und der &#8211; historisch betrachtet &#8211; selbstm\u00f6rderischen Weigerung, die eigene europ\u00e4ische Ordnung durchzusetzen, die von zahlreichen Generationen in opferreichen K\u00e4mpfen errungen wurde. Sie, die Impotenz, ist auch ein Ausdruck einer offensichtlichen Krise des Ged\u00e4chtnisses. Europa verliert die Kenntnis seiner eigenen Quellen, verachtet all das, was den europ\u00e4ischen Geist gro\u00df gemacht hat. Eine Zivilisation, die ihr Ged\u00e4chtnis verliert, vergisst ihren Ma\u00dfstab f\u00fcr Rechtschaffenheit und Wahrheit und degeneriert zu einer technisch verwalteten Ordnung.<br \/>\nDefinitiv beg\u00fcnstigt wird diese Impotenz von der tiefen Spaltung der westlichen Gesellschaften, die auf einen fundamentalen Konflikt zweier Weltsichten zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.<br \/>\nDie &#8222;begrenzte Weltsicht&#8220; geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus fehlerhaft ist. Sein Wille und insbesondere seine Leidenschaften sind nicht zuverl\u00e4ssig moralisch, und seiner Vernunft sind derweil klare Grenzen gesetzt. Ordnung entsteht also nicht aus hehren Absichten, sondern stabilen Institutionen, gewachsenen Traditionen, aus Recht und Begrenzung.<br \/>\nDie &#8222;unbegrenzte Weltsicht&#8220; hingegen unterstellt, der Mensch sei im Kern gut und vor allem unbegrenzt formbar. Wenn er destruktiv handelt, so liegt das nicht an ihm, sondern an den falschen Strukturen. Nicht der Mensch muss sich der Ordnung anpassen, sondern die Ordnung dem Menschen. Soziale und politische Konflikte erscheinen in dieser Perspektive nicht als problembeladene Situationen, sondern als technische Aufgaben, die sich durch administrative Steuerung aber vor allem  durch moralische Umerziehung l\u00f6sen lassen. Dass aus dieser zweifelsfrei utopischen Anthropologie zwangsl\u00e4ufig eine Politik der umfassenden Entgrenzung folgen muss, liegt auf der Hand. Wenn es keine verl\u00e4sslichen menschlichen Beschr\u00e4nkungen gibt, erscheinen s\u00e4mtliche Grenzen als illegitim: Staatsgrenzen, \u00f6konomische Determinanten, kulturelle und moralische Normen, energetische Realit\u00e4ten.<br \/>\nLetztlich geht es also um die &#8222;europ\u00e4ische Kernfrage&#8220;:<br \/>\nBewahrung der einmaligen kulturellen Leistungen unserer Vorfahren insbesondere der Generationen der letzten f\u00fcnf Jahrhunderte, oder die schn\u00f6de Selbstaufgabe vorangetrieben von einer alle Lebensbereiche durchsetzenden Ideologie der geistig-moralischen Verwahrlosung?<br \/>\nEuropa braucht erneut den LIMES.<br \/>\nDen Limes nach au\u00dfen, der physisch ist und der nur jenen Zutritt gew\u00e4hrt, die europ\u00e4ischen Geist und Werte sch\u00e4tzen.<br \/>\nUnd den Limes nach innen: Dieser ist normativ und duldet keine alternative Rechtsordnung (Scharia). Assimilation ist keine Option, sondern Pflicht. Wer hierherkommt und hier bleiben will, muss die europ\u00e4ische Ordnung akzeptieren: in Sprache, Recht und Lebensweise.<br \/>\nDer Limes nach au\u00dfen und der Limes nach innen setzt der unbegrenzten Weltsicht klare Grenzen. Gegenstand der Politik ist weder die psychologische Zurichtung des B\u00fcrgers, noch die Rettung des Weltklimas, nicht die Beseitigung aller Fluchtursachen oder globale Armut.<br \/>\nIhre Sorge sollte zuerst der Sicherheit, der Freiheit und des Wohlstandes der europ\u00e4ischen B\u00fcrger gelten.<br \/>\nErst danach darf alles andere in Betracht gezogen werden.<br \/>\nHelmut Schmidts hellsichtigen Worte: &#8222;Wenn halb Kalkutta nach Hamburg kommt, dann ist Hamburg nicht mehr Hamburg&#8220; haben nichts an ihrer prophetischen Weitsicht eingeb\u00fcsst. Gleichzeitig gilt leider nach wie vor &#8211;  seit 2000 Jahren! &#8211;  das Wort der Evangelien: &#8222;Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Haus&#8220;.<br \/>\nEuropa ist wieder auf den inneren und den \u00e4u\u00dferen Limes angewiesen.<br \/>\nKulturelles und geistiges Selbstverst\u00e4ndnis ohne Grenzschutz ist schutz- und wehrlos.<br \/>\nGrenzschutz ohne kulturelle Substanz ist vergeblich.<br \/>\nDie unbegrenzte Weltsicht ist eine jener Fallen, die die Geschichte erprobten, gleichzeitig aber \u00fcberreifen Zivilisationen gerne stellt.<br \/>\nUm ihr R\u00fcckgrat zu brechen.<br \/>\nDiese in einem bestimmten Sinne suizidale Weltsicht produziert seit drei Jahrzehnten jene politischen, sozialen und wirtschaftlichen Gro\u00dfexperimente, die den Westen im 21. Jahrhundert pr\u00e4gen.<br \/>\nDurch diese entgrenzte utopische Weltsicht wird die europ\u00e4ische Zivilisation nicht reformiert.<br \/>\nSie wird schlicht und einfach unterminiert.<\/p>\n<p>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SEHNSUCHT NACH GRENZEN (ein Pl\u00e4doyer) Als v\u00f6llig abwegig, ja absurd, h\u00e4tte ich in meiner Jugend den Gedanken abgetan, dass es in meinem Leben noch eine Zeit k\u00e4me, da ich ein Loblied auf Grenzen anstimmen w\u00fcrde. 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