{"id":5129,"date":"2026-06-12T17:00:44","date_gmt":"2026-06-12T15:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=5129"},"modified":"2026-06-12T17:00:44","modified_gmt":"2026-06-12T15:00:44","slug":"5129","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2026\/06\/12\/5129\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Neue Facetten einer uralten Angelegenheit (Teil 2)<\/p>\n<p>Der Antisemitismus hat seit geraumer Zeit ein neues Ausma\u00df erreicht. Er ist gleichsam zum globalen Exportschlager geworden. Besonders erfolgreich unter jungen Menschen. Modernisiert und verj\u00fcngt, fast wie ein Ph\u00e4nomen der Popkultur, breitet er sich schnell und ungehemmt in den Vereinigten Staaten aus. Und leider in nahezu allen L\u00e4ndern Europas.<br \/>\nBesonders unw\u00fcrdig und daher absto\u00dfend ist der neue aber alte Antisemitismus dort, wo man ihn am wenigsten erwarten w\u00fcrde: an Elite-Universit\u00e4ten, in Theaterh\u00e4usern, in Museen, in vermeintlich kultivierten Kreisen. Ausgerechnet diese Kreise, also diese angeblich so feinf\u00fchligen Sensoren im Kampf gegen Autoritarismus und Intoleranz, mutieren zu erb\u00e4rmlichen Opportunisten und Steigb\u00fcgelhaltern von Geschichtsvergessenheit. Man bek\u00e4mpft Judenhass, so wie er in der Vergangenheit war. Nicht wie er in der Gegenwart ist. F\u00fcr diesen dysfunktionalen Umgang mit Juden gibt es neuerdings einen mehr als verdeutlichenden Begriff:<br \/>\nNekrosemitismus.<br \/>\nDer Begriff beschreibt drastisch und pr\u00e4zise, was heute in der ach so zivilisierten Welt schiefl\u00e4uft. Dass wir n\u00e4mlich nicht mehr nur im Zeitalter des Antijudaismus und des Antisemitismus leben. Wir sind Zeitgenossen des Antizionismus, in dem alles Unheil dieser Welt auf Israel &#8211; also der kollektive Jude &#8211; projiziert wird. Wodurch selbstredend auch der Einzeljude zur Zielscheibe wird. Nekrosemitismus hat h\u00f6chsten Respekt vor dem toten Juden. Aber sobald Juden leben, sprechen, sich organisieren und (vor allem!) verteidigen, einen Staat und eine Armee haben, Grenzen sch\u00fctzen, Terroristen bek\u00e4mpfen und sich zu der schlichten Aussage bekennen: &#8222;Wir lassen uns nicht mehr abschlachten&#8220;, ja, dann ist es vorbei mit jedweder Sentimentalit\u00e4t. Dann wird die Realit\u00e4t ausgeblendet und verbogen, weil wehrhafte Juden in diese von Hirnlosen ausgedachte Realit\u00e4t nicht hineinpassen. Juden werden zu T\u00e4tern umgedeutet, Schutz wird Aggression, Selbstverteidigung wird Unterdr\u00fcckung. Schlussendlich: J\u00fcdische Souver\u00e4nit\u00e4t wird zum Problem.<br \/>\nGelehrte Schriften \u00fcber die Ursachen des mehr als 2000-j\u00e4hrigen Judenhasses f\u00fcllen ganze Bibliotheken. Hier will ich lediglich eine einzige der zahlreichen Ursachen kurz andeuten. Dem sei Folgendes vorangestellt:<br \/>\n&#8222;Die menschliche Geschichte hat mit einer Aggression begonnen. Mit einem Brudermord. Der Anlass war: NEID&#8220;.<br \/>\nDer Neid. Juden haben &#8211; trotz aller Verfolgung, trotz tausender Pogrome und trotz der Schoa &#8211; die westliche Welt gepr\u00e4gt und bereichert wie niemand sonst. \u00dcberall finden wir ihre Handschrift: in der Wirtschaft, in der Wissenschaft, in der Kultur, in der Medizin, in der Technologie. Im Vergleich zu der l\u00e4cherlich geringen Gr\u00f6\u00dfe der j\u00fcdischen Gemeinschaften weltweit ist ihr Beitrag zu Fortschritt und Spitzenleistungen in all diesen Bereichen \u00fcberproportional. Diese Aussage bedeutet nicht Philosemitismus. Sie ist eine realit\u00e4tsnahe Schlussfolgerung generiert von objektiven historischen Tatsachen. Warum aber diese \u00dcberproportionalit\u00e4t? Die Erkl\u00e4rung ist einleuchtend: Sie ist die kulturhistorisch naheliegende Konsequenz aus zwei Jahrtausenden ununterbrochener Diskriminierung und Verfolgung. Wer so lange systematisch ausgegrenzt und benachteiligt wird, kann nur entweder untergehen oder durch besondere Leistungen, also durch Exzellenz, \u00fcberleben.<br \/>\nErfolg aber bewirkt Neid. Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung &#8211; das hat schon Nietzsche postuliert.<br \/>\nDer Antizionismus ist folgerichtig die j\u00fcngste Mutation des \u00e4ltesten und best\u00e4ndigsten Hasses der Weltgeschichte. Der Nekrosemitismus ist eine Begleiterscheinung des Antizionismus. Die Methodik, die hierbei Verwendung findet, ist nicht neu: Sie besteht aus Verleumdung, Propaganda und Desinformation. Und versucht so dreierlei: Die Lebensader historisch-j\u00fcdischer Existenz zu kappen. Die nationale Herzkammer des j\u00fcdischen Volkes zu zerst\u00f6ren. Und das zentrale Nervensystem j\u00fcdisch-kollektiven Selbstverst\u00e4ndnisses zu torpedieren.<br \/>\nEs ist nun an der Zeit, ohne Umschweife etwas klarzustellen:<br \/>\nIsrael und die Juden sind wie s\u00e4mtliche Staaten, V\u00f6lker und Individuen auf Erden alles andere denn makellos und untadelig.<br \/>\nDas sind sie bei weitem nicht. Die prozentuale Anzahl von Einf\u00e4ltigen, Unbedarften und Asozialen, von Halunken, Gaunern und Vergewaltigern unter den Juden unterscheidet sich in keinster Weise von jener anderer V\u00f6lker. Dar\u00fcber hinaus gibt es eine Menge ungel\u00f6stes Konfliktpotential und Streitfragen zwischen Juden und Arabern. Zwischen religi\u00f6sen und s\u00e4kularen Juden. Zwischen Rechten und Linken, zwischen Idealisten, Pragmatikern und Realisten. Zwischen Expansionisten und Pazifisten, Demokraten und Autorit\u00e4ren. Aber eins kann man Israel nicht absprechen: Das Land ist eine pluralistische, vibrierende Demokratie, wo sich Tradition und Moderne die Hand reichen oder eben nicht, weil sie sich gerade zoffen, wo Religion und S\u00e4kularit\u00e4t um die Vormachtstellung ringen. Niemand, der mal Israel hautnah und ohne ideologisch verhunzte Fremdenf\u00fchrung erlebt hat, wird bestreiten, dass dieses Land &#8211; so gro\u00df wie Hessen und Heimat eines der \u00e4ltesten V\u00f6lker dieser Erde &#8211;  gleichzeitig eines der modernsten, lebendigsten und vor allem vision\u00e4rsten L\u00e4nder der Welt ist.<br \/>\nZur\u00fcck zum Zionismus. Er war nie das, was seine Gegner in ihm sehen wollen. Und keineswegs das, was seine Feinde ihm unterstellen. Er ist kein ideologisches Gedankengut um andere zu unterwerfen, sondern eine Initiative der Selbsterm\u00e4chtigung. Keine \u00dcberzeugung und kein Bef\u00fcrworten von \u00dcberlegenheit, sondern eine logische, zutiefst menschliche Reaktion auf andauernde Ohnmacht. Kein Angriff auf andere, sondern die Verteidigung von Freiheit und Selbstbestimmung. Der Zionismus ist schlicht eine Entscheidung f\u00fcr jene Zukunft, die &#8222;die anderen&#8220;, also die Gesamtheit der Menschen au\u00dferhalb des j\u00fcdischen Glaubens, den Juden immer (hier eine ganz besondere Betonung auf &#8222;immer&#8220;!) vorenthalten haben. Eine Entscheidung zugunsten eines uralten Traums, der immer noch lebt. Und der sich beharrlich weigert, zu zerplatzen. Eine Entscheidung f\u00fcr eine Zukunft, die keine Luftschl\u00f6sser baut, die sich nicht in Utopien verliert, sondern die dem Abgleich mit der Realit\u00e4t standh\u00e4lt.<br \/>\nUnd ja, es gibt da noch etwas, das keinesfalls unerw\u00e4hnt bleiben darf:<br \/>\nAntisemitismus und Antizionismus sind nicht nur ein existentielles Problem des j\u00fcdischen Volkes. Es ist ein existentielles Problem eines Gro\u00dfteils der Menschheit und insbesondere unseres Kulturraums. Diese Einsicht geht der westlichen Welt v\u00f6llig ab. Im Antisemitismus hasst und beneidet der Westen sich selbst. Wenn der Westen, verstanden als die &#8222;freie und demokratisch orientierte Welt&#8220; den Antisemitismus nicht besiegt, wird er sich selbst zerst\u00f6ren.<br \/>\nLebende Juden sind der st\u00f6rende Stachel in der Komfortzone der nekrosemitischen Gesellschaft.<br \/>\nSie halten dieser Gesellschaft einen Spiegel vor, vor dem sich der Nekrosemitismus in die schaurig-behagliche Vergangenheit fl\u00fcchtet und sich weigert, die Realit\u00e4ten der Gegenwart wahrzunehmen und die daraus folgende Verantwortung zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Nekrosemitismus ist der augenf\u00e4lligste Ausdruck eines gigantischen Versagens.<\/p>\n<p>P.S. Ich kann leider nicht anders: Die s\u00e4kulare Betrachtung dieses weltbewegenden Themas ist lediglich eine Seite der Medaille. Einer kurzen geistlich-christlichen Lesart der gleichen Thematik kann und will ich mich nicht verwehren.<br \/>\nAlsdann: Fortsetzung folgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue Facetten einer uralten Angelegenheit (Teil 2) Der Antisemitismus hat seit geraumer Zeit ein neues Ausma\u00df erreicht. Er ist gleichsam zum globalen Exportschlager geworden. Besonders erfolgreich unter jungen Menschen. Modernisiert und verj\u00fcngt, fast wie ein Ph\u00e4nomen der Popkultur, breitet er sich schnell und ungehemmt in den Vereinigten Staaten aus. 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