{"id":5101,"date":"2026-06-03T11:37:42","date_gmt":"2026-06-03T09:37:42","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=5101"},"modified":"2026-06-03T11:59:59","modified_gmt":"2026-06-03T09:59:59","slug":"5101","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2026\/06\/03\/5101\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Neue Facetten einer uralten Angelegenheit <\/p>\n<p>Hat jemand von Euch noch in Erinnerung, wer Immanuel Goldfab war? Wohl niemand.<br \/>\nNun: In dem 2005 gedrehten Spielfilm &#8222;Ein ganz gew\u00f6hnlicher Jude&#8220; mit Ben Becker als Hauptdarsteller erh\u00e4lt ein j\u00fcdischer Journalist eine Anfrage einer Schulklasse. Die Jugendlichen wollen einen &#8222;ganz gew\u00f6hnlichen Juden&#8220; kennenlernen. So weit, so gut. Aufgrund dieser Anfrage muss sich der Jude Immanuel Goldfab mit seiner Geschichte besch\u00e4ftigen und macht sich Gedanken, was er dem Lehrer und den Sch\u00fclern antworten kann und anvertrauen soll.<br \/>\nHier ein Ausschnitt seiner (laut vorgetragenen) Gedankeng\u00e4nge:<br \/>\n&#8222;In dem Karton ist meine ganze Geschichte drin, die ganze Familie, das ganze Kartenspiel. Bube, Dame, K\u00f6nig, Ass. Juden und Nichtjuden sehen sich ihre Familienfotos nicht auf dieselbe Weise an. Wussten sie das? Unsere Erinnerungen sind nicht von derselben Art. Sie sagen, das war der Onkel mit der ganz dicken Frau. Die Tante ist mal bei einer Ruderpartie aus dem Kahn gefallen. Der hier war B\u00e4cker und hat immer Rosinenbr\u00f6tchen mitgebracht, wenn er zu Besuch kam. Sowas sagen wir nur bei ganz alten Bildern. Nur bei Fotos von Leuten, die das Gl\u00fcck hatten, rechtzeitig tot zu sein. Bei allen anderen hei\u00dft es: Theresienstadt, Auschwitz, ausgewandert nach Caracas, verschollen. Eigentlich w\u00e4ren wir eine gro\u00dfe Familie, wir Goldfabs. Es ist nun mal so, dass die Leute auf meinen Familienfotos auf ganz andere Weise tot sind als die Leute auf ihren, umgebracht ist nun mal nicht dasselbe wie gestorben, ermordet ist nicht dasselbe wie gefallen, Vergasung ist nicht dasselbe wie Lungenentz\u00fcndung. Ich kann&#8217;s nicht \u00e4ndern. Wir haben die gleiche Geschichte, aber nicht die gleichen Geschichten. Sie und ich, obwohl es alles deutsche Geschichten sind.<br \/>\nSie, die Juden, reden immer von damals. Das ist unser Problem. Zu viel Vergangenheit. Man schleppt so viel Vergangenheit mit sich rum, dass man mit dem Wegr\u00e4umen gar nicht nachkommt. Geschichte: die j\u00fcdische Krankheit. Bis heute feiern wir den Auszug aus \u00c4gypten. Die Pharaonen, die uns damals unterdr\u00fcckt haben, liegen schon lange mumifiziert in ihren Pyramiden, aber wir feiern noch immer! Oder der Tempel in Jerusalem. Bald 2000 Jahre ist es her, dass die R\u00f6mer ihn zerst\u00f6rt haben. Das r\u00f6mische Reich ist ewig untergegangen, aber wir h\u00f6ren immer noch nicht auf zu trauern. Die j\u00fcdische Krankheit &#8211; wir k\u00f6nnen nicht vergessen (&#8230;) Es gibt mehr als eine Milliarde Chinesen, die k\u00f6nnen all ihre Historie irgendwie zwischen sich aufteilen, aber wir Juden &#8211; viel zu viel Geschichte f\u00fcr so wenig Leute. Viel zu viel Geschichte. Ich habe versucht davor wegzulaufen, aber so schnell kann keiner rennen.(&#8230;)<br \/>\nImmanuel Goldfab &#8211; wissen sie, was mein Vorname bedeutet? Immanuel &#8211; Gott ist mit uns. Ich wei\u00df nicht, ob das eine Hoffnung ist oder eine Drohung, aber wenn er nicht mit uns w\u00e4re, h\u00e4tten wir nicht so verdammt viel Geschichte aushalten m\u00fcssen. Wir sind sein auserw\u00e4hltes Volk. Ich wei\u00df nicht, womit wir diese Strafe verdient haben, was immer es war, allm\u00e4hlich m\u00fcsste sie abgesessen sein. Es reicht. Der liebe Gott k\u00f6nnte sich mal ein anderes Volk auserw\u00e4hlen zur Abwechslung. Die Belgier vielleicht oder die Ostfriesen. Uns reicht&#8217;s! (&#8230;)<br \/>\nDas Judentum ist eine Religion. So weit, so einfach. Nein, soweit so kompliziert. Aus einer Religion kann man austreten, zur Konkurrenz \u00fcberlaufen. Atheist werden, aufh\u00f6ren zu glauben. Wir haben immer dran glauben m\u00fcssen. Wir haben keine Wahl. Vor 100 Jahren haben sich viele deutsche Juden taufen lassen, um endlich, endlich dazuzugeh\u00f6ren. Die Taufe als Eintrittskarte. Es hat ihnen nichts gen\u00fctzt. F\u00fcr ihre Umwelt waren sie keine Christen geworden, sondern nur getaufte Juden. Wir sind eine Glaubensgemeinschaft, die durch das zusammengehalten wird, was die anderen von uns glauben.&#8220;<br \/>\nSo weit Ben Becker. So weit Immanuel Goldfab.<br \/>\n&#8222;Wir sind eine Glaubensgemeinschaft, die durch das zusammengehalten wird, was die anderen von uns glauben&#8220;.<br \/>\nDiese Erfahrung d\u00fcrfte jeder von uns mal gemacht haben. Egal, ob man mit Christen, Nichtchristen oder Atheisten zusammensitzt, wenn hierin die Absicht best\u00fcnde, eine hei\u00dfe Diskussion zu entfachen, m\u00fcsste lediglich die harmlos klingende Frage gestellt werden: Wie denkst Du \u00fcber die Juden und \u00fcber Israel?<br \/>\nDas Thema enth\u00e4lt seit mehr als zwei Jahrtausenden Unmengen an Sprengstoff.<br \/>\nSeit mehr als zwei Jahrtausenden grassiert auf Erden ein h\u00e4ssliches, nicht auszumerzendes Ph\u00e4nomen: der Antijudaismus.<br \/>\nWir leben seit Jahrzehnten in einem Kulturraum, der sich dem Kampf gegen jegliche Art von Antijudaismus und Antisemitismus in einer gleichwohl sich selbst beweihr\u00e4uchernden Weise verschrieben hat. Der Kampf &#8211; das ist die bittere Feststellung! &#8211; hat nichts gefruchtet.<br \/>\nNoch bitterer ist ein relativ neuer Aspekt dieses ach so lobenswerten Kampfes gegen Antisemitismus:<br \/>\nMan liebt sie und man ehrt sie: die Juden.<br \/>\nAber sie m\u00fcssen tot sein.<br \/>\nH\u00f6chste Wertsch\u00e4tzung ja, solange j\u00fcdische Schicksale und Symbole im Museum liegen und auf Schwarz-Wei\u00df-Fotos zu sehen sind. Solange Juden Tageb\u00fccher hinterlassen, die man zur Absolution umdeuten kann.<br \/>\nSolange Juden nicht widersprechen, nichts fordern, keine Fragen stellen und niemandem zu nahe treten.<br \/>\nTote Juden kann man mit salbungsvoller W\u00fcrde betrauern. Mehr noch: Kerzen anz\u00fcnden, Kr\u00e4nze niederlegen. Und vor allem das &#8222;Nie wieder&#8220; weihevoll hauchen. Dann ist der Mensch unseres Kulturraums mit sich im Reinen.<br \/>\nDie Erinnerungskultur des Gutmenschen ist von formvollendeter Bequemlichkeit. Sie liebt Anne Frank, aber wei\u00df kaum etwas \u00fcber j\u00fcdische Gegenwart. Sie liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht einmal versehentlich \u00fcber den Judenhass vor der eigenen Haust\u00fcr. Und ja: Sie liebt die Gedenkreden, aber \u00fcberh\u00f6rt geflissentlich, wenn Juden sagen: &#8222;Wir wissen nicht, wie lange wir hier noch bleiben k\u00f6nnen.&#8220;<br \/>\nAuschwitz darf in dieser Aufz\u00e4hlung nat\u00fcrlich nicht fehlen. Das an Auschwitz gekoppelte &#8222;Nie wieder&#8220; wird in gleicher Weise liebevoll umsorgt, aber diese Kultur des alles andere als bedingungslosen Erinnerns kann und will offensichtlich nicht verstehen, was dieses &#8222;Nie wieder&#8220; dezidiert und mit gutem Recht bedeutet:<br \/>\nNie wieder wehrlos.<br \/>\nNie wieder abh\u00e4ngig sein vom &#8222;guten Willen&#8220; anderer Gemeinschaften, anderer V\u00f6lker, anderer Staaten. <\/p>\n<p>(Fortsetzung folgt)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neue Facetten einer uralten Angelegenheit Hat jemand von Euch noch in Erinnerung, wer Immanuel Goldfab war? Wohl niemand. Nun: In dem 2005 gedrehten Spielfilm &#8222;Ein ganz gew\u00f6hnlicher Jude&#8220; mit Ben Becker als Hauptdarsteller erh\u00e4lt ein j\u00fcdischer Journalist eine Anfrage einer Schulklasse. Die Jugendlichen wollen einen &#8222;ganz gew\u00f6hnlichen Juden&#8220; kennenlernen. So weit, so gut. 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