{"id":5079,"date":"2026-05-15T16:03:26","date_gmt":"2026-05-15T14:03:26","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=5079"},"modified":"2026-05-15T16:23:17","modified_gmt":"2026-05-15T14:23:17","slug":"5079","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2026\/05\/15\/5079\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Geschichte muss nicht immer langweilig sein\u00a0\u2026<\/p>\n<p>Die Anziehungskraft der Geschichte, aufgefasst als Modus operandi, die Vergangenheit &#8222;zu erfahren&#8220;, h\u00e4lt sich bei den letzten Generationen der europ\u00e4ischen Nationen in augenscheinlich \u00fcberschaubaren Grenzen. Im Schulunterricht ist Geschichte oft als ein langweiliges, \u00fcberfl\u00fcssiges und daher unn\u00fctzes Fach verschrien.<br \/>\nInnerhalb des Kulturraums der Nationen wird Geschichte nicht selten als Hure der Politik bezeichnet. Da ist unzweifelhaft was Wahres dran. Geschichte kann per definitionem nicht objektiv sein, jede historische Interpretation von vergangenen materiellen und geistigen Fakten wird von zahlreichen subjektiv gef\u00e4rbten Faktoren mehr oder weniger ma\u00dfgeblich und in keineswegs seltenen F\u00e4llen unheilvoll beeinflusst.<br \/>\nEine beliebte Methode, in geschichtlichen Darstellungen die Bedeutung des Faktors Langeweile abzumildern, ist die Einbeziehung der Gegenwart in den historischen Diskurs. Historische Entscheidungen, die vor 50 oder 100 Jahren und nat\u00fcrlich auch gegenw\u00e4rtig getroffen wurden und werden, k\u00f6nnen nicht selten zwanglos mit Ereignissen viel \u00e4lteren Datums in Verbindung gebracht werden.<br \/>\nSo ist seit einiger Zeit die Stra\u00dfe von Hormuz in allem Munde und jeder, der bislang kaum von dieser Meerenge geh\u00f6rt hat, kann sie nun geografisch zumindest grob lokalisieren.<br \/>\nAls die Kriegshandlungen gegen den Iran begannen und die Stra\u00dfe von Hormuz in den Fokus der politisch und milit\u00e4risch interessierten Welt\u00f6ffentlichkeit gelangte, erinnerte ich mich daran, dass diese geografische Seeregion schon einmal in der Weltgeschichte die Blicke der damaligen Welt auf sich zog. (Nat\u00fcrlich nicht mithilfe einer grenzenlosen Flut bewegter Bilder, sondern dargereicht als trockene Informationen von berittenen Boten\u00a0\u2026)<br \/>\nBl\u00e4ttern wir also weit zur\u00fcck in den Annalen der Weltgeschichte.<br \/>\nVor 2351 Jahren(!) schl\u00e4gt einer der gr\u00f6\u00dften Feldherren aller Zeiten sein Heerlager in der unmittelbaren N\u00e4he der ausgedehnten Deltalandschaft eines der wichtigsten Fl\u00fcsse Asiens auf: der Indus.<br \/>\nSeine Krieger sind sichtlich ersch\u00f6pft. Sie k\u00f6nnen und wollen nicht mehr. Und sie k\u00f6nnen den weiteren gigantomanischen milit\u00e4rischen Pl\u00e4nen ihres von allen bewunderten jungen K\u00f6nigs weder physisch noch psychisch folgen. Sie sind auch seit geraumer Zeit von einem erdr\u00fcckenden Gef\u00fchl alles bestimmenden Heimwehs erfasst. Dabei ist diese so sehr vermisste Heimat unendlich weit entfernt von ihnen. Die M\u00e4nner wollen nur noch eins: zur\u00fcck zu den duftenden Pinienw\u00e4ldern Griechenlands und Makedoniens.<br \/>\nAlexander der Gro\u00dfe, der ehrgeizige, junge K\u00f6nig, ist sich dieser Situation bewusst und bereitet seine Armee auf den beschwerlichen R\u00fcckzug vor. Wie immer denkt er geopolitisch gro\u00df: Er will die Gebiete, die er von der Westk\u00fcste Kleinasiens bis zur Punjab-Region erobert hat, behalten, vereinen, erschlie\u00dfen. Der K\u00f6nig ist in der Geografie all dieser Regionen gut bewandert. Er wei\u00df, dass es einen Seeweg gibt, der die Indusm\u00fcndung mit jener von Euphrat und Tigris verbindet. Und er will diesen Seeweg &#8222;erschlie\u00dfen&#8220;.<br \/>\nSein Plan sieht vor, dass er an der Spitze eines Gro\u00dfteils seiner Armee den R\u00fcckzug auf dem bereits bekannten Landweg antreten werde. Die restlichen M\u00e4nner sollen zu Seeleuten &#8222;umgeschult&#8220; werden. Alexander l\u00e4sst binnen kurzer Zeit auf dem Fluss Hydaspes eine mehr oder minder hochseetaugliche Flotte bauen. Sie wird einem erfahrenen kretischen Schiffskommandanten unterstellt: Nearchos. Dieser ist in die Geschichte als Admiral Nearchos eingegangen. Den Admiralstitel hatte er zu dem Zeitpunkt seiner Ernennung durch Alexander allerdings noch nicht.<br \/>\nDer R\u00fcckzug der makedonischen Armee in Richtung Westen erweist sich wie erwartet beschwerlich. Poseidon, der m\u00e4chtige griechische Gott der Meere, ist den makedonischen Seeleuten ebenfalls nicht gewogen. Bis die Flotte die Stra\u00dfe von Hormuz, die damals nachvollziehbarerweise nicht so hie\u00df, erreicht, hat sie mit \u00e4u\u00dferst widrigen Wetterbedingungen zu k\u00e4mpfen, die zu erheblichen menschlichen und materiellen Verlusten f\u00fchrten. Das Logbuch des Admirals, das wichtige strategische Informationen an Alexander beinhaltete, ging im Sturm verloren. Nicht aber die Augenzeugenberichte. Davon wurden zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt eine Menge Fakten von dem Historiker Arrian von Nikomedien in sein Werk &#8222;Die Anabasis Alexanders&#8220; aufgenommen und so f\u00fcr die Nachwelt gerettet.<br \/>\nAlexander der Gro\u00dfe tr\u00e4umte den imperialen Traum aller erfolgreichen Feldherren. Er kannte den Landweg von Kleinasien bis nach Indien: beschwerlich, gef\u00e4hrlich und somit f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke anspruchsvoll bis ungeeignet. Der Seeweg sollte sein Reich zusammenhalten. Was sp\u00e4ter f\u00fcr die R\u00f6mer ihr \u00fcberragendes Stra\u00dfennetz war, sollten f\u00fcr Alexander die Wasserwege im Indischen Ozean als Hauptkommunikations- und Handelswege dienen. Nearchos\u00b4 Auftrag war, Informationen \u00fcber die K\u00fcstenpopulationen zu sammeln und herauszufinden, wo g\u00fcnstige, nat\u00fcrliche Bedingungen f\u00fcr den k\u00fcnftigen Bau von Hafenanlagen f\u00fcr Wirtschaft und Milit\u00e4r zu finden waren.<br \/>\nDer unerwartete, fr\u00fche Tod des K\u00f6nigs (323 v. Ch.) hat alle diese imperialen Pl\u00e4ne zunichtegemacht.<br \/>\nNichtsdestotrotz: F\u00fcr Alexanders Nachfolger, die Seleukiden, waren seine Pl\u00e4ne zwar eine Nummer zu gro\u00df, aber auch ihnen war die Bedeutung einer ungehinderten Passage aus dem Persischen Golf in den Golf von Oman und weiter in die Weiten des Indischen Ozeans wohl bewusst.<br \/>\nDa haben wir es also: den &#8222;Wink der Geschichte&#8220; an die Zeitzeugen des 21. Jahrhunderts: die ungehinderte Passage der Meerenge&#8230;<br \/>\nNun, im obigen Zusammenhang haben zwei antike Orte eine nicht unerhebliche strategische Bedeutung erlangt: Tylos (das heutige Bahrain) und Ikaros (heute Failaka). In der geschichtlichen Nachfolge sind selbst die R\u00f6mer an diesen Orten aufgetaucht und sich gelegentlich der Wasserwege im Persischen Golf bedient, nat\u00fcrlich ohne gro\u00df angelegten Ambitionen, ihr Riesenreich weiter nach Osten auszudehnen.<br \/>\nDie &#8222;gro\u00dfe Bl\u00fctezeit&#8220; des Schiffsverkehrs zwischen den M\u00fcndungen der drei gro\u00dfen asiatischen Fl\u00fcsse Euphrat, Tigris und Indus verdankt die Weltgeschichte dem British Empire. Das, was dem gro\u00dfen Makedonier nicht gelungen war, hat die damals legend\u00e4re britische Marine bewerkstelligt: die Einbindung diese Seewege in ein weltumspannendes imperiales Wirtschafts- und Milit\u00e4rsystem. Es ist auch bekannt, dass die Briten hierbei nicht unerheblich von Arrians Aufzeichnungen profitiert haben, indirekt also von den Augenzeugenberichten makedonischer Seeleute\u00a0\u2026<br \/>\nSeit \u00fcber 2000 Jahren sind somit diese Gebiete, die sich \u00fcber die gesamte Arabische Halbinsel und Staaten wie Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan und Teile Indiens erstrecken von besonderer geopolitischer Relevanz. Zu den bestimmenden geopolitischen Akteuren, die diesen asiatischen Regionen in den letzten 700 Jahren ihren milit\u00e4risch-politischen Stempel aufgedr\u00fcckt haben, geh\u00f6ren das Osmanische Reich, das britische Weltreich und zum Teil auch das russische Zarenreich.<br \/>\nSie alle sind untergegangen.<br \/>\nKeineswegs untergegangen ist der geopolitische Stellenwert der oben erw\u00e4hnten Regionen. Die Seewege, die Alexander hat erforschen lassen, haben heute offenkundig eine ungleich h\u00f6here Wertigkeit als zu den Zeiten des makedonischen K\u00f6nigs.<br \/>\nF\u00fcr einen Wimpernschlag der Geschichte geh\u00f6rte die damalige &#8222;Welt&#8220; dem genialen Feldherrn. Folgerichtig dachte und handelte er &#8222;weltbewegend&#8220;.<\/p>\n<p>Heute steht die Stra\u00dfe von Hormuz erneut im Zentrum des Denkens und des Handelns &#8222;weltbewegender&#8220; M\u00e4chte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschichte muss nicht immer langweilig sein\u00a0\u2026 Die Anziehungskraft der Geschichte, aufgefasst als Modus operandi, die Vergangenheit &#8222;zu erfahren&#8220;, h\u00e4lt sich bei den letzten Generationen der europ\u00e4ischen Nationen in augenscheinlich \u00fcberschaubaren Grenzen. Im Schulunterricht ist Geschichte oft als ein langweiliges, \u00fcberfl\u00fcssiges und daher unn\u00fctzes Fach verschrien. 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