{"id":4878,"date":"2026-03-29T18:53:24","date_gmt":"2026-03-29T16:53:24","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=4878"},"modified":"2026-03-29T19:00:33","modified_gmt":"2026-03-29T17:00:33","slug":"4878","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2026\/03\/29\/4878\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Wird es eine &#8222;Renovatio Europae&#8220; geben? (Teil I)<\/p>\n<p>Ich erlaube mir, nachfolgend einige Termini relativ arbitr\u00e4r aber nat\u00fcrlich nicht ohne Hintergedanken aufzuz\u00e4hlen:<br \/>\nKrise der kulturellen Identit\u00e4t<br \/>\nNiedergang der traditionellen Religion<br \/>\nZerfall der Familie<br \/>\nSinkende Geburtenraten<br \/>\nMassenmigration<br \/>\nSoziale Polarisierung<br \/>\nWachsende Kriminalit\u00e4t<br \/>\nAsymmetrische Kriege<br \/>\nGlobalisierung<br \/>\nAlles bekannt, oder? Die Auflistung h\u00e4ngt einem zu Recht zum Hals heraus! Eine einfallslose und \u00fcberfl\u00fcssige Aufz\u00e4hlung von Fakten, die jedem von uns allzu gut bekannt sind!<br \/>\nDoch, halt! In der Tat: Alles, was in der obigen Liste steht, sind Ph\u00e4nomene, die unser allt\u00e4gliches Leben hier und heute bestimmen. Nichts Neues also. Ein Schlaglicht aus einer anderen Perspektive zeigt allerdings eine eher unerwartete Erkenntnis: Die gleichen Ph\u00e4nomene galten, eins zu eins \u00fcbernommen, ab der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. auch f\u00fcr den Zustand einer anderen, f\u00fcr Europas Geschichte entscheidenden historischen Entit\u00e4t: das R\u00f6mische Reich.<br \/>\nVorab eine Klarstellung: Mir ist bewusst, dass interkulturelle historische Vergleiche stets mit geb\u00fchrender Vorsicht zu handhaben sind. Gleichwohl: Sie absolut nicht gelten zu lassen und sie somit zu ignorieren, ist auch nicht gerade der Weisheit letzter Schluss. In Kreisen der Historikerzunft sind solche Vergleiche umstritten, aber keineswegs verp\u00f6nt, solange Spuren wissenschaftlicher Rechtschaffenheit zu erkennen sind.<br \/>\nInterkulturelle Vergleiche haben indes Einzug gefunden auch ins \u00f6ffentliche Bewusstsein. Man m\u00f6ge sich lediglich an Guido Westerwelles Ausspruch von der &#8222;sp\u00e4tr\u00f6mischen Dekadenz&#8220; erinnern, der lebhafte, kontroverse Diskussionen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft ausgel\u00f6st hat. Vollst\u00e4ndig hie\u00df es bei dem FDP-Politiker: &#8222;Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, der l\u00e4dt zu sp\u00e4tr\u00f6mischer Dekadenz ein.&#8220;<br \/>\nNun denn, zur\u00fcck zum r\u00f6mischen Imperium im 1. Jahrhundert v. Chr.<br \/>\nDie unmittelbaren Folgen jener Ph\u00e4nomene, die ich eingangs aufgelistet habe, waren f\u00fcr das r\u00f6mische Reich eine generationen\u00fcbergreifende Zeitspanne politischer, wirtschaftlicher und kultureller Krisen, also Zeiten von steten inneren Unruhen und B\u00fcrgerkriegen, die schlie\u00dflich in der \u00dcbernahme der Macht durch ein autorit\u00e4res, konservatives, plebiszit\u00e4res Regime, als das einzige Mittel um zwischen den rivalisierenden Gruppen zu vermitteln, m\u00fcndeten.<br \/>\nWenn nunmehr der Versuch unternommen wird, die interkulturellen Vergleiche dazu zu nutzen, gleichsam den roten Faden in der Entwicklung jeder gro\u00dfen bis heute bekannten Zivilisation zu erkennen, kommt man nicht umhin zu der Erkenntnis, dass s\u00e4mtliche nennenswerten Zivilisationen von der Abfolge bestimmter Entwicklungsphasen gepr\u00e4gt sind, die mit den bekannten hegelschen Kategorien der Dialektik (These, Antithese, Synthese) relativ m\u00fchelos in einen gedanklichen Einklang gebracht werden k\u00f6nnen.<br \/>\nDie nachfolgend von mir dargebotenen historisch-kulturellen Positionen entspringen unvermeidlich geistigen Anlehnungen an einem bemerkenswerten Gedankenkonstrukt des von mir hochgesch\u00e4tzten deutsch-belgischen Historikers David Engels.<br \/>\nEngels vertritt die Meinung, dass alle gro\u00dfen Zivilisationen von einer relativ leicht auszumachenden Abfolge gut definierter, gewisserma\u00dfen dialektisch vorbedingter Phasen gepr\u00e4gt sind: Einer ersten Zeit der &#8222;These&#8220;, die durch die Bedeutung der Transzendenz gekennzeichnet ist, einer zweiten Epoche der &#8222;Antithese&#8220;, die dem Rationalismus fr\u00f6nt, um schlie\u00dflich in eine Sp\u00e4tphase der &#8222;Synthese&#8220; zu m\u00fcnden, deren Endphase durch eine kurze &#8222;bewusste&#8220; R\u00fcckkehr zur Tradition charakterisiert ist. Der weitere jeweilige zivilisatorische Fortgang findet &#8211; im besten Falle! &#8211;  seinen Abschluss in einer Art posthistorischem Zustand der langsamen und unentrinnbaren Versteinerung.<br \/>\nEngels postuliert: Das Abendland kann und wird keine Ausnahme von dieser Regel darstellen! Seine &#8222;Beweisf\u00fchrung&#8220; ist virtuos, faszinierend und nachvollziehbar. Aber auch provokant und somit durch und durch herausfordernd!<br \/>\nZuerst sucht er nach den Wurzeln jener Mentalit\u00e4t, die den europ\u00e4ischen Geist seit jeher auszeichnet und ihn vom den anderen Zivilisationen unterscheidet. Er findet die Antwort in der &#8222;faustischen Pers\u00f6nlichkeit&#8220;, die sich durch einen fast schon zwanghaften Drang nach Erkenntnis, nach Unendlichkeit und letztlich nach ultimativer \u00dcberschreitung auszeichnet. In den Jahrhunderten mittelalterlicher Bl\u00fcte richtete sich dieser einmalig umtriebige Geist auf GOTT, in der zweiten Phase, also sp\u00e4testens ab dem 18. Jahrhundert, die den Anf\u00e4ngen  der europ\u00e4ischen Moderne entspricht, auf die MATERIE. Die gotische Kathedrale und der amerikanische Wolkenkratzer: Sie sind Sinnbilder dieser Entwicklung und widerspiegeln lediglich die zwei Seiten derselben Medaille. These und Antithese.<br \/>\nAus dieser Perspektive betrachtet, scheint sich die abendl\u00e4ndische Zivilisation heute der finalen Phase (Synthese) zu n\u00e4hern.<br \/>\nWir sind Zeitgenossen der haneb\u00fcchenen Ausw\u00fcchse und der geistigen Verirrungen und Verrenkungen, die allesamt Folgeerscheinungen des hemmungslosen Auslebens der materialistischen, pseudohumanistischen, rationalistischen und universalistischen Phase der Antithese sind. Hierbei m\u00f6ge lediglich der Wokismus Erw\u00e4hnung finden als ultimativer Kulminationsgipfel dieser zivilisatorischen Kontrollverluste, der aber aktuell auf dem besten Wege ist, sich selbst ad absurdum zu f\u00fchren und alle Gewissheiten mit sich zu rei\u00dfen, auf denen die moderne europ\u00e4ische Welt seit einem halben Jahrtausend errichtet wurde. Unverkennbar sind aber auch \u00fcberall in Europa die zarten Anzeichen des Erwachens und des Wunsches nach einer R\u00fcckbesinnung. Der bis zur Absurdit\u00e4t getriebene seelenlose Rationalismus der letzten Jahrzehnte zwingt nicht wenige Zeitgenossen zur Einsicht, dass das vermeintlich alle und alles selig machende pseudohumanistische Projekt gescheitert ist und nur eine R\u00fcckkehr zu den Traditionen, die voreilig und fahrl\u00e4ssig auf die M\u00fcllhalden der Geschichte aussortiert wurden, eine solide Grundlage bieten k\u00f6nnen, um unsere Zivilisation wieder zu stabilisieren.<br \/>\nWohlgemerkt: zu stabilisieren. Von einer Rettungsaktion ist da nicht die Rede\u00a0\u2026<br \/>\nEchte, urspr\u00fcngliche Tradition ist alternativlos und ihre Perpetuierung geschieht organisch und instinktiv. Eine egal wie geartete R\u00fcckkehr zu alten Traditionen ist jedoch f\u00fcr das k\u00fcnftige Europa unstrittig ausgeschlossen. Engels postuliert: Es muss und es wird eine &#8222;bewusste&#8220; R\u00fcckkehr zu traditionellen Werten stattfinden, nicht instinktiv, weder gesetz- noch naturgem\u00e4\u00df, sondern tief rational und dadurch teilweise artifiziell (Hier erkennt Engels eine deutliche Parallelit\u00e4t zur &#8222;Kulturpolitik&#8220; des Kaisers Augustus). In diesem Zusammenhang ist es unabdingbar, dass die Europ\u00e4er sich wieder zum Ziel setzen, stolze &#8222;echte Abendl\u00e4nder&#8220; zu werden, bar jedweder Quelle von selbst geh\u00e4ssiger Verlegenheit oder gar schlechtem Gewissen. Voraussetzung einer solchen Entwicklung ist das Vorhandensein eines entsprechenden politischen Willens, au\u00dferdem die Gew\u00e4hrleistung der Heranbildung und Formung von soliden (europa)patriotischen Eliten, die imstande und willens sind, die Massen auf einen gewissen kulturellen Patriotismus einzuschw\u00f6ren. Die historische \u00dcbergangsperiode von den letzten Exzessen der woken Antithese zur endg\u00fcltigen traditionalistischen Synthese unserer europ\u00e4ischen Zivilisation wird nur durch einen unverf\u00e4lschten gemeinsamen abendl\u00e4ndischen Patriotismus und damit durch die enge Zusammenarbeit zwischen den &#8222;letzten&#8220; Europ\u00e4ern aller Nationen bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen.<br \/>\nEine solch enorme Herausforderung kann aber weder der &#8222;Europ\u00e4ismus&#8220; der zutiefst subsidiarit\u00e4ts-und nationalfeindlich gesinnten Br\u00fcsseler Beh\u00f6rde noch ein neugestalteter nationalstaatlicher Souver\u00e4nismus der einzelnen europ\u00e4ischen Staaten bewerkstelligen.<br \/>\nDie Zukunft Europas h\u00e4ngt davon ab, ob die V\u00f6lker des alten Kontinents willens und f\u00e4hig sind, zu einem wirkungsvollen identit\u00e4ren europ\u00e4ischen Patriotismus zu finden.<br \/>\n(Fortsetzung folgt)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wird es eine &#8222;Renovatio Europae&#8220; geben? 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