{"id":4248,"date":"2025-04-12T13:46:18","date_gmt":"2025-04-12T11:46:18","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=4248"},"modified":"2025-10-10T12:35:50","modified_gmt":"2025-10-10T10:35:50","slug":"4248-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2025\/04\/12\/4248-2\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>QUO VADIS, LIBERALISMUS?<\/p>\n<p>Als der Kommunismus wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach, lie\u00dfen die Propheten nicht lange auf sich warten.<br \/>\nOberprophet Francis Fukuyama verk\u00fcndete das &#8222;Ende der Geschichte&#8220;, womit er eigentlich den endg\u00fcltigen und unumkehrbaren Sieg der Idee des Liberalismus meinte. Da nur liberale Staaten den langfristigen \u00f6konomischen Erfolg garantieren k\u00f6nnen &#8211; so war die nahezu einhellige Meinung der &#8222;Experten&#8220; &#8211; wird es zu einer Globalisierung des Liberalismus in allen Erdteilen kommen.<br \/>\nDie so prognostizierte globale Herrschaft des Liberalismus hat keine 2 Jahrzehnte gedauert. Das ist unbestritten weniger als ein Wimpernschlag der Geschichte. Chinas endg\u00fcltige Etablierung als gleichrangige Wirtschaftsmacht mit den Vereinigten Staaten geriet zum ersten handfesten Realit\u00e4tsschock in der Geschichte des politischen Liberalismus. W\u00e4hrend China &#8211; ein durch und durch neokonfuzianisches Land und damit ideologisch diametral entgegengesetzt zum Liberalismus &#8211; in Wachstum und Stabilit\u00e4t gedeiht, erlebt der liberale Westen eine multidimensionale Krise. Soviel zu dem historischen Wert der Aussagen der &#8222;Experten&#8220;, \u00fcbrigens ein Begriff, der bei uns immer mehr eine aufdringlichere und inflation\u00e4rere Verwendung findet.<br \/>\nDer Chinese &#8211; als deren Repr\u00e4sentant soll hier einer der Vordenker des kommunistischen Neokonfuzianismus Wang Huning genannt werden &#8211; legt denn auch gen\u00fcsslich den Finger in die westlich-liberale Wunde: Er spricht von einem gesellschaftlichen Nihilismus, der sich im Sp\u00e4tliberalismus breitgemacht hat.<br \/>\nIndes: Die urspr\u00fcngliche Idee des Liberalismus kann alles andere als schlecht geredet werden. Der Liberalismus hat geliefert: einen nie dagewesenen Wohlstand f\u00fcr Millionen Individuen und f\u00fcr ganze Nationen. Er hat die Idee der pers\u00f6nlichen Freiheit zur weltweiten Geltung verholfen, er hat durch seine unnachahmliche Strahlkraft autorit\u00e4re, menschenunw\u00fcrdige und -feindliche Ideologien wie den Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus zu Fall gebracht.<br \/>\nGleichsam von sich selbst berauscht tritt aber der Liberalismus seit geraumer Zeit in seine unr\u00fchmliche Sp\u00e4tphase ein, verabschiedet sich zusehends in selbstzerst\u00f6rerischer Manier, insbesondere durch den kulturellen Hyperliberalismus, von den Ideen und Gemeinschaften, die f\u00fcr Individuen, V\u00f6lker und Nationen \u00fcber Jahrhunderte hinweg wertestiftend waren: die Familie, der christliche Glaube und die Nation. Das Urteil jener, die diese Entwicklung intensiv verfolgen und zutiefst bedauern, ist vernichtend: Der Liberalismus kann aus sich selbst heraus keine sozialen Werte und somit keine gesellschaftlich relevante Orientierung mehr vermitteln.<br \/>\nNoch vor 60 Jahren gab es einen gesellschaftlichen Common Sense dar\u00fcber, dass Familie, Glauben, Flei\u00df gepaart mit Strebsamkeit sowie Patriotismus ehrenwerte Ideale sind. Heute k\u00f6nnen sich die liberalen Gesellschaften nicht einmal dar\u00fcber einigen, wie viele Geschlechter es gibt.<br \/>\nDem Liberalismus war leider ein missionarischer Verbreitungseifer immer schon immanent. Dieses penetrante missionarische Sendungsbewusstsein speziell des heutigen kulturellen Hyperliberalismus weckt ungute historische Erinnerungen an die fanatischen Jakobiner Ende des 18. Jahrhunderts und an die ebenso fanatischen Kommunisten im 20. Jahrhundert. Jakobiner und Kommunisten folgten einer erbarmungslosen Ideologie, ihr Sendungsbewusstsein war von \u00fcberbordender, hirnverbrannter Ma\u00dflosigkeit. Anders der Sp\u00e4tliberale: Er versteht sich keineswegs als Ideologe und realisiert es somit nicht, dass er durchaus einer ist.<br \/>\nEine Person weiblichen Geschlechts hat hier in Deutschland das beste Beispiel dazu geliefert: Anstatt rational und tatkr\u00e4ftig die Interessen des eigenen Landes auf der weltweiten diplomatischen B\u00fchne zu vertreten, hat sie sich missionarisch f\u00fcr die vom Sp\u00e4tliberalismus wohlgelittenen, wenn nicht gar verg\u00f6tterten Werte wie Minderheitenrechte und Queerness eingesetzt. Diese sogenannte &#8222;feministische Au\u00dfenpolitik&#8220; der A. Baerbock war nichts anderes als der peinliche H\u00f6hepunkt und gleichzeitig ein Musterbeispiel missionarischer Au\u00dfenpolitik, die in den letzten Jahren von der erdr\u00fcckenden Mehrheit der L\u00e4nder der Erde mit einem gn\u00e4dig-mitleidigen L\u00e4cheln quittiert wurde.<br \/>\nDer geopolitische Pragmatismus weicht in der Denke heutiger Sp\u00e4tliberalen einem liberalen Imperialismus, der unausweichlich \u00f6konomische Misserfolge und gesellschaftliche Instabilit\u00e4t im Schlepptau hat.<br \/>\nDem liberalen Missionarismus hat nun Gottseibeiuns D. Trump r\u00fcde einen Riegel vorgeschoben. Lassen wir doch kurz Revue passieren, was sich in den letzten 3 Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten abgespielt hat:<br \/>\nDie Neokonservativen (Neocons), also vornehmlich die Elite der Ostk\u00fcste, haben unsinnige und teure Kriege vom Zaun gebrochen: im Irak und in Afghanistan. Diese Kriege sind alles andere denn vergessen und sind immer noch ein tiefsitzendes Trauma des amerikanisches Volkes.(Zwei &#8222;Etagen&#8220; tiefer sitzt \u00fcbringens noch das alte Vietnam-Trauma). In diese Gemengelage greift Trump ein. Er konnte 2016 nur Pr\u00e4sident werden, weil er mit seiner &#8222;America First&#8220;-Politik ein maximaler Gegenentwurf zu den Neocons des Washingtoner Establishments war. Dieses Establishment lie\u00df junge M\u00e4nner aus der amerikanischen Unterschicht, beheimatet in den gottverlassenen Gegenden der amerikanischen Pr\u00e4rie, in ebendiesen Kriegen verheizen und sterben. Wof\u00fcr? Um Demokratie und Liberalismus in den Nahen Osten zu exportieren. Ausschlie\u00dflich historisch betrachtet war das, mit Verlaub, eine hirnrissige Idee. Hirnrissig weil unzweifelhaft chancenlos. Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts war und ist der Versuch, liberale Ideen in durch und durch muslimisch strukturierte Gebiete zu exportieren nichts Anderes als haneb\u00fcchener Unfug und zeugt von ignorantem und naiv-t\u00f6richtem Verst\u00e4ndnis historischer, politischer, kultureller und religi\u00f6ser Gegebenheiten. Die Ostk\u00fcsten-Elite, die \u00fcber Jahre hinweg die Kriege im Nahen und Mittleren Osten als heilige Mission des Liberalismus hochhielt, schaute insgeheim auf jene Hillbilly-Familien in West Virginia oder Michigan herab, deren Kinder in den Sand- und Steinw\u00fcsten Asiens ihr Leben lassen mussten. Die S\u00f6hne und T\u00f6chter der feinen Liberalen s\u00fcdlich und n\u00f6rdlich von Washington hingegen mussten nicht zum Milit\u00e4r. Unbeschwert besuchten sie in dieser Zeit die amerikanischen Eliteuniversit\u00e4ten.<br \/>\nD. Trump hat ein geniales Gesp\u00fcr f\u00fcr die Wut eines erheblichen Teils der amerikanischen Bev\u00f6lkerung, die aus dieser liberalen Doppelmoral erwuchs.<br \/>\nUnterstreichen muss ich das wohl kaum: Bei uns w\u00fcrde es nicht anders aussehen. Die Kinder jener Entscheidungstr\u00e4ger, die ausschli\u00dflich Waffen, Aufr\u00fcstung und Krieg im Sinn haben, w\u00fcrden im Fall der F\u00e4lle gewiss nicht an vorderster Kriegsfront zu finden sein!<br \/>\nDie Europ\u00e4er &#8211; wohlgemerkt, Europas selbsternannte liberal-demokratische Elite &#8211; sind seit Wochen in einer kollektiven Schockstarre. J.D. Vance hat ihnen unmissverst\u00e4ndlich klargemacht: Die Zeiten sind vorbei, in denen die USA die Rolle der liberalen Weltpolizei wird spielen k\u00f6nnen. Vor 30 Jahren waren die Vereinigten Staaten die Alleinherrscher einer unipolaren Welt. Das ist nun vorbei, weil sich die Amerikaner in der jetzigen multipolaren Welt die Pax Americana einfach nicht mehr leisten k\u00f6nnen. Das haben Trump und seine Gefolgsleute begriffen und sie handeln pragmatisch und realistisch. Verschlafen haben indes diese Entwicklung die Europ\u00e4er und die EU. W\u00e4hrend der alte Kontinent noch an eine liberale Weltordnung glaubt, sind die USA l\u00e4ngst in einer postliberalen \u00c4ra angekommen. Wie so oft in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg: Europa hinkt stets den &#8211; meistens von den Amerikanern diktierten &#8211;  Realit\u00e4ten hinterher. Europa muss endlich aufwachen und sich in dieser multipolaren Welt emanzipieren. Daf\u00fcr m\u00fcssen allerdings liebgewonnene, sich selbst beweihr\u00e4uchernde politische \u00dcberzeugungen \u00fcberdacht, angepasst, zum Teil verworfen werden.<br \/>\nDie geostrategischen und geo\u00f6konomischen Interessen der Europ\u00e4er sind keinesfalls kongruent mit amerikanischen Interessen. Welches Interesse hat die deutsche Automobil- oder Chemieindustrie daran, die Wirtschaftsbeziehungen zu China zu besch\u00e4digen oder gar zu kappen? Essenziell ist aber ein Umdenken auf politischer Ebene. Europa und Deutschland w\u00e4ren gut beraten, wenn sie k\u00fcnftig einen neuen Realismus und interessenzentrierten Pragmatismus in der Diplomatie verfolgen w\u00fcrden. Wer in der heutigen und k\u00fcnftigen multipolaren Weltordnung nur mit lupenreinen Demokraten Gesch\u00e4fte machen will, der ist verloren. Nur wenn Europa den gescheiterten liberal-missionarischen Eifer ablegt, wird es in den folgenden Jahrzehnten eine halbwegs ernstzunehmende Rolle auf der Weltb\u00fchne spielen k\u00f6nnen.<br \/>\nApropos lupenreine Demokraten:<br \/>\nErstens gibt es sie tatsachlich die wahrhaft Demokraten, aber es gibt keine lupenreinen und es gab sie auch nie. Und dass Putin weder Demokrat noch lupenrein ist, darf als Binse gelten.<br \/>\nZweitens erleben wir bei den selbsternannten europ\u00e4ischen Demokraten eine aberwitzige D\u00e4monisierung Russlands. Es geht &#8211; wohlgemerkt! &#8211; mitnichten lediglich um eine D\u00e4monisierung des Kremlchefs, man k\u00f6nnte daf\u00fcr sogar etwas Verst\u00e4ndnis aufbringen, sondern Russlands und das k\u00f6nnte, mit Verlaub, eine gef\u00e4hrliche Eigendynamik entwickeln.<br \/>\nIch pers\u00f6nlich geselle mich zu jenen, die den leisen Verdacht hegen, dass das auf diese Weise gemeinsam heraufbeschworene Feindbild Russlands auch ein Versuch ist, von der tiefen Krise des Liberalismus abzulenken. Man liegt nicht falsch, wenn man sich in dieser Hinsicht an eine gut bekannte Lehre der Geschichte erinnert: Zu allen Zeiten griffen die Herrschenden zu dem probaten Mittel des gemeinsamen Feindbildes im Ausland, um die eigene Legitimation zu sichern. Die Dynamik solcher Bestrebungen, die eigene Legitimation zu st\u00e4rken, verf\u00fchrt Liberale immer mehr dazu, illiberale Methoden anzuwenden. So ist es bei uns in Westeuropa nahezu gang und g\u00e4be, B\u00fcrger zu canceln, indem man sie als &#8222;Russlandversteher&#8220; brandmarkt. Auch das einer Demokratie unw\u00fcrdige Hochziehen von Brandmauern gegen politische Parteien soll Menschen unter Druck setzen, auf der scheinbar richtigen Seite der Geschichte zu stehen.<br \/>\nEuropa, das seit 1945 unter dem wohlwollenden Schutzschirm der Vereinigten Staaten ein gem\u00fctliches politisches und wirtschaftliches Dasein hat f\u00fchren d\u00fcrfen, wird nun &#8211; aus dem heiteren Himmel &#8211; eine Bew\u00e4hrungsprobe auferlegt.<br \/>\nDie europ\u00e4ischen L\u00e4nder m\u00fcssen politisch, wirtschaftlich und milit\u00e4risch f\u00fcr sich selber sorgen. Der alte Kontinent muss jeder Art von ideologisch gef\u00e4rbten Ideen und missionarischen Weltverbesserungsutopien entsagen. Was uns Europ\u00e4er in der k\u00fcnftigen Weltordnung weiterbringen wird, sind Politiker, die sich unter keinen Umst\u00e4nden als moralische Schulmeister der Welt auff\u00fchren. Auch wenn es ketzerisch wirkt, weil ich  wider den Zeitgeist l\u00f6cke: Mehr Bismarck wagen, das w\u00e4re angesagt! Nicht unbedingt Bismarcks imperialistisches Gedankengut, sondern sein Realismus ist gefragt, so wie er das in seiner n\u00fcchternen Feststellung kundtat: &#8222;Staaten haben keine Freunde.&#8220; Angeblich wurde diese kurze Aussage von Charles de Gaulle erg\u00e4nzt:&#8220;&#8230;keine Freunde, sondern nur Interessen&#8220;. Die Erg\u00e4nzung h\u00e4tte Bismarck gewi\u00df sofort unterschrieben! Zwei historische Gestalten, die was von Geopolitik und Diplomatie verstanden&#8230;<br \/>\nDie Geschichte tritt in eine Phase ein, wo man nur mit unromantischem Pragmatismus und geopolitischem Realismus wird \u00fcberleben k\u00f6nnen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>QUO VADIS, LIBERALISMUS? Als der Kommunismus wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach, lie\u00dfen die Propheten nicht lange auf sich warten. Oberprophet Francis Fukuyama verk\u00fcndete das &#8222;Ende der Geschichte&#8220;, womit er eigentlich den endg\u00fcltigen und unumkehrbaren Sieg der Idee des Liberalismus meinte. 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