{"id":4162,"date":"2025-03-04T14:34:34","date_gmt":"2025-03-04T13:34:34","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=4162"},"modified":"2025-03-04T14:34:34","modified_gmt":"2025-03-04T13:34:34","slug":"4162-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2025\/03\/04\/4162-2\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>DENK ICH AN DEUTSCHLAND&#8230;<\/p>\n<p>Geschichtsvergessenheit, Geschichtsignoranz und Geschichtsklitterung sind bekanntlich eine weit verbreitete geistige Seuche. Viele meiner deutschen Zeitgenossen\/innen machen da keine Ausnahme.<br \/>\nNachdem ab Mitte der 50-er Jahre des vorigen Jahrhunderts den Genossen Kommunisten in der DDR die eigenen Leute scharenweise dem paradiesischen Leben den R\u00fccken gekehrt haben, weil sie den schon damals klar realit\u00e4tsfernen Verhei\u00dfungen der glorreichen kommunistischen Zukunft keinen Glauben schenken vermochten, errichtete die Staatsmacht eine Mauer und deklarierte sie kurzerhand in haarstr\u00e4ubender Stupidit\u00e4t zum antifaschistischen Schutzwall. Also eine Mauer gegen das B\u00f6se, gegen das vermeintlich Aggressive von au\u00dfen. Dumm nur, dass das B\u00f6se diese Mauer gar nicht zu \u00fcberwinden versuchte, daf\u00fcr aber fielen um so mehr t\u00f6dliche Sch\u00fcsse auf Verzweifelte aus den eigenen Reihen. Die Schussanlagen waren bekanntlich nicht gegen West gerichtet, sondern gegen die eigenen Leute. Es war nichts anderes als eine trostlos-niederschmetternde Kapitulation vor der eigenen \u00fcblen kommunistischen Wirklichkeit.<br \/>\nEine Mauer zu errichten -im vordergr\u00fcndig materiellen Sinne oder im feinnervig geistigen Sinne &#8211; ist die ultimative Offenbarung eines kolossalen Scheiterns der eignen \u00dcberzeugungen. In diesem Falle darf \u00dcberzeugung mit Ideologie gleichgesetzt werden.<br \/>\nIst es eine erb\u00e4rmliche Ironie der Geschichte oder ist es eine haneb\u00fcchene Tragikom\u00f6die, dass auch heute &#8211; stringent augenf\u00e4llig nach den abgelaufenen Bundestagswahlen &#8211; genau an der gleichen Stelle, wo sich der antifaschistische Schutzwall anno dazumal durch deutsche Landschaften schl\u00e4ngelte, eine Mauer steht, die schwarz-rot-gr\u00fcnes Westdeutschland vom blauen Ostdeutschland trennt? Die Wahlkreisf\u00e4rbungen: ein erneutes Trennungsmahnmal, diesmal demoskopischer und weltanschaulicher Natur.<br \/>\nGotterb\u00e4rmliche historische Tatsache: Diese Mauer wurde in einer Zeit angeblich demokratischer Werteordnung von dem ehemaligen Klassenfeind im Westen h\u00f6chstselbst errichtet. Die Ostdeutschen haben ihre Freiheit und ihre Demokratie selber errungen. Durch tapferes und kluges Handeln. Das kann historisch nicht hoch genug eingesch\u00e4tzt und gew\u00fcrdigt werden! Die Westdeutschen haben ihre Demokratie samt Freiheit schlichtweg geschenkt bekommen. Zun\u00e4chst fiel die alliierte Bombe auf sie, dann fielen die Geschenkt\u00fcten (einige mit Rosinen) vom Himmel. Nichts, gar nichts haben sie sich erk\u00e4mpfen m\u00fcssen. Jetzt ziehen die Enkel der vom Weltkrieg arg gezeichneten deutschen Kriegsgeneration eine Mauer hoch!<br \/>\nMauer ist Mauer. Ob aus Stein, Beton und Stacheldraht. Oder einer Mauer subtilerer, also geistiger Natur.<br \/>\nEine Mauer ist immer ein Eingest\u00e4ndnis. Der eigenen, mit Angst behafteten Unsicherheit. Der eigenen Schw\u00e4che. Letztendlich der eigenen Ohnmacht.<br \/>\nBekannt ist der Spruch: &#8222;Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich w\u00fcrde mein Leben daf\u00fcr geben, dass Sie Ihre Meinung frei aussprechen d\u00fcrfen.&#8220; Einige behaupten, diese Worte stammen von Voltaire. Vermutlich ist dem nicht so. Die Worte spiegeln aber ein aufkl\u00e4rerisches Ideal wider. Die Meinungsvielfalt n\u00e4mlich. Vielleicht das h\u00f6chste Ideal der Aufkl\u00e4rung schlechthin. Ohne diese Ideale ist Demokratie nicht denkbar. Es gibt in diesem Zusammenhang einen weiteren erw\u00e4hnenswerten Spruch: &#8222;Wir glauben nicht an die Meinungsfreiheit, wenn wir sie nicht auch den Leuten zugestehen, die wir verachten.&#8220; Diesmal ist der Autor unumstritten: Noam Chomsky. Beide Spr\u00fcche schlagen in die gleiche Kerbe: Die wichtigste Voraussetzung der Demokratie ist Freiheit. Noch genauer: die Freiheit der Bewegung und die freie Bewegung der Gedanken.<br \/>\nMan muss in der Geschichte etwas bewandert sein, um sich folgender Tatsache immer wieder bewusst zu werden: Im Laufe der letzten Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende wurden unz\u00e4hlige Mauern errichtet.<br \/>\nBislang wurden ALLE niedergerissen. Meistens gewaltsam. Steinerne Mauern. Geistige Mauern.<br \/>\nDie brutale Realit\u00e4t: Es wurden daraufhin neue errichtet. Das Spiel ging stets von vorne los. Bislang fiel &#8211; fr\u00fcher oder sp\u00e4ter &#8211;  jede Mauer.<br \/>\nMan kann es drehen und wenden wie man will:<br \/>\nEs ist einer Demokratie definitiv unw\u00fcrdig, eine Mauer zu errichten. Jede geistige Mauer dient der Ausgrenzung. Jede Ausgrenzung setzt Ablehnung voraus und eine so entstandene ablehnende Ausgrenzung einer von der eigenen \u00dcberzeugung abweichenden Meinung tr\u00e4gt in sich stets einen totalit\u00e4ren Wesenskern.<br \/>\nAm 15. Juli 2017 schrieb ich hier auf Actaseptimana: &#8222;Einmalig und bahnbrechend sind der Wohlklang, der Scharfsinn und der Stil Heinrich Heines.&#8220; Damals habe ich nicht im Geringsten daran gedacht, dass ich Heine Jahre sp\u00e4ter hervorkramen und zitieren werde. Zitieren muss:<br \/>\n&#8222;Denk ich an Deutschland in der Nacht,<br \/>\nDann bin ich um den Schlaf gebracht,<br \/>\nIch kann nicht mehr die Augen schlie\u00dfen,<br \/>\nUnd meine hei\u00dfen Tr\u00e4nen flie\u00dfen.&#8220;<br \/>\nDiese Verse schrieb er vereinsamt im Pariser Exil.<br \/>\nUm ihn herum wurde in seiner Heimat &#8211; die Herrschenden f\u00fcrchteten seine spitze Feder und seine vom damaligen Mainstream abweichenden Gedanken &#8211; auch eine Mauer errichtet.<br \/>\nEine geistige Brandmauer.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Die aktuelle politische und historische Situation in Europa und die globalen geopolitischen Koordinaten, die gerade unter unseren Augen neu justiert werden, erfordern f\u00fcr unseren Kontinent und speziell f\u00fcr Deutschland dringendst Politiker, die in den allerh\u00f6chsten Sph\u00e4ren der Diplomatie beheimatet sind und sich hier auch meisterhaft auskennen.<br \/>\nUnser ehemaliger Au\u00dfenminister Joschka Fischer hat sich dazu augenzwinkernd folgenderma\u00dfen ge\u00e4u\u00dfert:<br \/>\n&#8222;Friedrich Merz muss als Bundeskanzler die Qualit\u00e4t des Gr\u00fcnders der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, erreichen. Das ist die Flugh\u00f6he.&#8220;<br \/>\nMir f\u00e4llt dazu, so leid es mir tut, nichts anderes ein als Goethes Faust:<br \/>\nDie Botschaft h\u00f6r\u2019 ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. <\/p>\n<p>***<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DENK ICH AN DEUTSCHLAND&#8230; Geschichtsvergessenheit, Geschichtsignoranz und Geschichtsklitterung sind bekanntlich eine weit verbreitete geistige Seuche. Viele meiner deutschen Zeitgenossen\/innen machen da keine Ausnahme. 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