{"id":3989,"date":"2024-10-22T19:15:40","date_gmt":"2024-10-22T17:15:40","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=3989"},"modified":"2024-10-22T19:15:40","modified_gmt":"2024-10-22T17:15:40","slug":"3989-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2024\/10\/22\/3989-2\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>AMBIVALENZEN<\/p>\n<p>In westeurop\u00e4ischen Gesellschaften und auf dem nordamerikanischen Kontinent tobt seit Jahren ein Kulturkampf. Nach meiner subjektiven Wahrnehmung nimmt die Unerbittlichkeit dieses Kampfes von Jahr zu Jahr zu. Deutschland macht hier naturgem\u00e4\u00df keine Ausnahme.<br \/>\nWestdeutschland hat nach dem totalen Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 gute 2 Jahrzehnte einem ausgepr\u00e4gten konservativen Geist gehuldigt. Ende der 60er Jahre geraten die geistigen Leitplanken der (west)deutschen Gesellschaft ins Straucheln. Es reift eine \u00c4ra heran mit einer neuen, rebellischen Generation. Sie \u00fcben sich jahrelang in Vorst\u00f6\u00dfen und Kampagnen scharfer Abgrenzung zu der geistigen Welt ihrer Eltern und es gelingt ihnen &#8211; durch den ber\u00fchmten Marsch durch die Institutionen &#8211; sp\u00e4testens ab der Jahrtausendwende den postmodernen Kulturkampf f\u00fcr sich zu entscheiden. Seit zwei Jahrzehnten weht \u00fcber das nunmehr vereinte Deutschland der linksliberale Odem. Selbst die CDU &#8211; ehemals Bollwerk liberal-konservativer \u00dcberzeugungen &#8211; vollzog unter Angela Merkel einen Linksruck, der der deutschen Gesellschaft offensichtlich einen B\u00e4rendienst erwiesen hat, indem die Merkelsche neue Weichenstellung die rechte Flanke der Partei und auch der Gesellschaft &#8222;schutzlos&#8220; anderen politischen Kr\u00e4ften \u00fcberlie\u00df.<br \/>\nGleichwohl lehrt uns die Geschichte der zivilisierten Welt: Keine geistige Str\u00f6mung bleibt \u00fcber l\u00e4ngere Zeit ungeschoren, eine jede etablierte Wahrheit l\u00f6st \u00fcber kurz oder lang einen Gegenwind aus. Eine solche Gegenreaktion erleben wir just und hautnah in der westlichen Kultur- und Politsph\u00e4re. Konservatives Gedankengut ist auf dem Vormarsch, die Skepsis der Menschen gegen\u00fcber linkem und linksliberalem Anspruch und Geltungsdrang schwindet zusehends.<br \/>\nWir stehen offenbar erneut vor einem Paradigmenwechsel der gesellschaftlich vorherrschenden Wertvorstellungen. Einige L\u00e4nder Europas sind bereits dabei, die \u00c4ra eines postmodernen Konservatismus zu etablieren. Ob eine solche \u00c4ra von Dauer sein wird, ist im Moment nicht vorhersagbar. Die Gesellschaften folgen sichtbar einem steten Auf und Ab einander sich bek\u00e4mpfenden und dann sich abl\u00f6senden Wertma\u00dfst\u00e4ben.<br \/>\nDie Feststellung geh\u00f6rt eher zur Kategorie der Binsenweisheiten, dass der Mensch f\u00fcr Zeiten sich \u00e4ndernder politischer, sozialer, kultureller oder philosophischer \u00dcberzeugungen schlecht ger\u00fcstet ist. In einer sich fast schon extrem wandelnder Welt tritt das Gef\u00fchl, \u00fcberfordert zu sein, relativ schnell und abtr\u00e4glich ein. Jeder Mensch meidet, soweit m\u00f6glich, jegliche Art von \u00dcberforderung. Jeder Strohhalm, der auch nur die kleinste Aussicht vorgaukelt, Orientierung, Halt und Gewissheit zu gew\u00e4hren, wird dankend ergriffen.<br \/>\nEs kommt in einer solchen Gemengelage, wie es halt eben kommen muss: Man wagt den ersten Schritt in Richtung Glaube.<br \/>\nGlaube vermittelt Sicherheit, er verf\u00fcgt \u00fcber orientative Leitplanken und bietet damit Halt in wankenden Lebenslagen.<br \/>\nWir alle sind Gl\u00e4ubige.<br \/>\nDas ist vielen Zeitgenossen nicht bewusst. Wom\u00f6glich glauben die meisten nicht mehr an Gott, schlie\u00dflich ist man emanzipiert. Diese so verstandene Emanzipation begann vor gut 300 Jahren mit der Aufkl\u00e4rung.<br \/>\nSeitdem wir Menschen &#8222;Gott f\u00fcr tot&#8220; erkl\u00e4rt haben, sind wir dauernd auf der Suche nach Ersatz. Heute hei\u00dft der Ersatz wahlweise Universalismus, Globalisierung, freie M\u00e4rkte, Digitalisierung, Integration und Inklusion, Zivilgesellschaft, Feinstaubwerte, Veganismus usw. Ein ganzes Panoptikum neuer G\u00f6tter und G\u00f6tzen. Und mit diesen neuen G\u00f6ttern ist es nicht anders als mit den alten: Sie sind eifers\u00fcchtig und wenig tolerant. Sie dulden keine anderen G\u00f6tter neben sich.<br \/>\nDie Unduldsamkeit ist ein Markenzeichen der Gegenwart geworden. Es gibt die Erleuchteten, die (wieder einmal!) von ewigen Wahrheiten schwadronieren. Eine Unmenge s\u00e4kularer Glaubenslehren durchdringt die Gesellschaft. Wer diese Lehren anzweifelt, riskiert soziale \u00c4chtung. Die Vision einer bunten und vielgestaltigen \u00d6ffentlichkeit, die kritisch aber vor allem tolerant diverse Meinungen und Weltanschauungen zul\u00e4sst, ist schlicht und einfach: eine Illusion.<br \/>\nApropos Toleranz. Auff\u00e4llig die &#8222;Auferstehung&#8220; der Figur des Leugners. Jahrhunderte war der Gottesleugner Verk\u00f6rperung tiefster Verwerflichkeit. Heute erzeugen Klima- und Coronaleugner allgemeine Emp\u00f6rung. Wir sind zu einer Emp\u00f6rungsgesellschaft mutiert. Alles, was nicht eigener Weltvorstellung entspricht, emp\u00f6rt. Die Frustrationstoleranz ist so niedrig wie selten zuvor.<br \/>\nEs ist bekannt, dass im Mittelalter Priester und Exorzisten die Aufgabe \u00fcbernahmen, Ungl\u00e4ubige und Skeptiker zu bedr\u00e4ngen und zu drangsalieren. Die modernen Exorzisten unserer heutigen Welt hei\u00dfen Experten. Ihr Kruzifix ist die herrschende Meinung. Ihre Mission: ketzerische Lehren blo\u00dfzustellen und ihre Anh\u00e4nger dem medialen Fegefeuer anheimzugeben.<br \/>\nSie sind die Priester der Sp\u00e4tmoderne. Der Experte gibt der s\u00e4kularen Welt Halt und Orientierung, die dem Zeitgenossen g\u00e4nzlich abhandengekommen sind. Nietzsche hatte eine Vorahnung:<br \/>\n&#8222;Gott ist tot! Und Gott bleibt tot! Und wir haben ihn get\u00f6tet&#8220; l\u00e4sst der Pfarrerssohn Nietzsche den tollen Menschen ausrufen. Und fragt: &#8222;Ist nicht die Gr\u00f6\u00dfe dieser Tat zu gro\u00df f\u00fcr uns? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? St\u00fcrzen wir nicht fortw\u00e4hrend? Und r\u00fcckw\u00e4rts, seitw\u00e4rts, vorw\u00e4rts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?&#8220;<br \/>\nDer Tod Gottes \u00fcberfordert uns Menschen, diese Prognose des s\u00e4chsischen Philosophen scheint sich drastisch zu bewahrheiten. Der Mensch ist offensichtlich unf\u00e4hig, die &#8222;metaphysische Obdachlosigkeit&#8220; zu ertragen, ohne Schaden zu nehmen. Er erschafft sich fortw\u00e4hrend G\u00f6tzen, die er anbeten kann. Fr\u00fcher verlangte der Glaube Beichte und Umkehr. Heute erlangt der moderne Mensch Erl\u00f6sung durch Einhaltung von Grenzwerten. Der Aberglaube ist nie ausgestorben. Er hat sich nur fortw\u00e4hrend verlagert. Man glaubt nicht mehr an Geister und D\u00e4monen, sondern an Blutwerte, Staubkonzentrationen oder farbig gestaltete Klimakurven.<br \/>\nEine Heerschar von Klerikern und Gelehrten definierten \u00fcber viele Jahrhunderte das, was als ewige und unumst\u00f6\u00dfliche Wahrheiten zu gelten hatten. Vom Prinzip her ist heute alles so wie anno dazumal: Die Definitionen liefern ein fein gesponnenes Netzwerk weltweit aus Politik, NGOs und Universit\u00e4ten. Und diese bestimmen auch, wer als Experte zu gelten hat. Sehr bedenklich ist indes ein weiteres Ph\u00e4nomen: Der postmoderne Experte verbindet seine empirisch gewonnenen Erkenntnisse mit normativen Einsch\u00e4tzungen. Im Klartext: Wissenschaftliche Sprache und moralische Sprache beginnen miteinander zu verschwimmen. Die Grenze zwischen wissenschaftlichen Fakten und Moral wird bewusst aufgehoben.<br \/>\nWieso denn das nun?<br \/>\nWeil uns postmodernen Menschen die &#8222;metaphysische Obdachlosigkeit&#8220; lediglich die Moral als letztes Sinnangebot bereith\u00e4lt, da s\u00e4mtliche anderen Angebote von der unaufhaltsamen Entwicklung menschlicher Gesellschaften in roher Bedenkenlosigkeit zerschreddert wurden.<br \/>\nMoral ist epochenspezifisch und wird einer Gesellschaft aufoktroyiert von jenen, die &#8222;das Sagen haben&#8220;. Zu allen Zeiten wurden Kritik an der herrschenden Meinung und den jeweiligen moralischen Vorstellungen mit Emp\u00f6rung zur\u00fcckgewiesen. Heute ist es nicht anders. Die unsere Gesellschaften durchdringenden Ersatzreligionen werden mit dem gleichen Fanatismus verteidigt, wie das seit eh und je der Fall war. Die Angepasstheit an den moralpolitischen Zeitgeist ist die letzte Zufluchtsst\u00e4tte von Menschen, die jede traditionelle Heimat verloren haben. Hierin liegt vermutlich auch eines der Gr\u00fcnde, weswegen die dominierenden moralischen Debatten, dass Fragen nach Gerechtigkeit, Diskriminierung, Nachhaltigkeit und Diversit\u00e4t heutzutage einen derma\u00dfen hohen Stellenwert gewonnen haben.<br \/>\nHier findet eine Gesellschaft, deren tragende Ideologie Kontinuit\u00e4t, Best\u00e4ndigkeit und Tradition vehement ablehnt, den notwendigen Halt, um nicht von der &#8222;metaphysischen Obdachlosigkeit&#8220; kirre gemacht zu werden.<br \/>\nDem Dunstkreis des alles bestimmenden Zeitgeistes und der effektiv arbeitenden Meinungsindustrie zu entkommen, ist f\u00fcr das Individuum alles andere denn ein leichtes Unterfangen.<br \/>\nUnd trotzdem: Es gilt, zu versuchen, sich nicht gemein zu machen mit einer Sache. Auch nicht mit einer Sache, die auf den ersten Blick gut aussieht. Es gilt, unaufgeregt und sich mit sanfter Gelassenheit von einer Leitkultur des Zweifelns leiten zu lassen. Skeptischer Blick in s\u00e4mtliche Richtungen. Auch in Richtung eigener Meinung.<br \/>\nDenn das Gute gibt es nur selten.<br \/>\nEbenso wie das Schlechte.<br \/>\nDie Welt und alle ihre Erscheinungen sind uneindeutig.<br \/>\nSie &#8211; die Welt &#8211; ist zutiefst ambivalent.<\/p>\n<p>Post Skriptum:<br \/>\nDieser Artikel ist entstanden, weil ich den Ausdruck &#8222;metaphysische Obdachlosigkeit&#8220; f\u00fcr \u00e4u\u00dferst gelungen fand. Gefunden habe ich ihn bei Alexander Grau, Philosoph und Publizist unserer Zeit. Seinen Ideen und \u00dcberzeugungen folge ich mit gr\u00f6\u00dftem &#8211; in seinem Sinne nunmehr auch skeptischem &#8211; Vergn\u00fcgen. Obiger Artikel ist auch folgerichtig das Ergebnis dieses Vergn\u00fcgens.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>AMBIVALENZEN In westeurop\u00e4ischen Gesellschaften und auf dem nordamerikanischen Kontinent tobt seit Jahren ein Kulturkampf. Nach meiner subjektiven Wahrnehmung nimmt die Unerbittlichkeit dieses Kampfes von Jahr zu Jahr zu. 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