{"id":3584,"date":"2023-03-01T18:13:55","date_gmt":"2023-03-01T17:13:55","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=3584"},"modified":"2023-03-01T18:13:55","modified_gmt":"2023-03-01T17:13:55","slug":"3584-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2023\/03\/01\/3584-2\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>DER GARSTIGE GRABEN DER GESCHICHTE<\/p>\n<p>Vor einigen Tagen hat ein ehemaliger Waldorfsch\u00fcler, Hausbesetzer und &#8222;taz&#8220;-Mitarbeiter folgendes an das Bundesamt f\u00fcr Familie und gesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) geschrieben:<br \/>\n&#8222;Sehr geehrte Damen und Herren, ich m\u00f6chte gerne meine Verweigerung des Kriegsdienstes zur\u00fcckziehen. Ich f\u00fchle mich nicht mehr aus Gewissensgr\u00fcnden daran gehindert, den Dienst an der Waffe zu leisten. Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen&#8220;.<br \/>\n\u00dcbrigens: Der Mann ist heute 51 Jahre alt und ein bekannter SPIEGEL-Redakteur. Er begr\u00fcndet sein Schreiben damit, dass die damals ausgesprochene Verweigerung ihren Sinn verloren hat. Er schreibt: &#8222;Denn die Welt, in der ich sie erkl\u00e4rt habe, ist untergegangen&#8220;. Das unverkrampfte, mutige, f\u00f6rmlich unter die Haut gehende Bekenntnis dieses Mannes &#8211; man beachte die oben erw\u00e4hnte Vergangenheit! &#8211;  darf man sich getrost auf der Zunge zergehen lassen.<br \/>\nUnser Mann denkt und schreibt stellvertretend f\u00fcr seine Generation. Eine von hehren Idealen beseelte Generation.<br \/>\nUnd die jetzt auf die m\u00f6glichst brutalste Weise aus ihren Tr\u00e4umen gerissen wurde.<br \/>\nEr schreibt weiter: &#8222;Es d\u00fcrfte welthistorisch kein m\u00e4chtiges Land geben, das sich das Milit\u00e4rische so gr\u00fcndlich abgew\u00f6hnt hat, wie die Bundesrepublik Deutschland. Es gibt keine Welt ohne Krieg&#8220;.<br \/>\nUnd, man staune, es geht in diesem fast schon larmoyanten Ton weiter: &#8222;Der ewige Frieden, in dem wir uns w\u00e4hnten, war eben auch ein bequemes und profitables Gesch\u00e4ftsmodell.(&#8230;) Nichts konnte die deutsche Wirtschaft, Politik und Gesellschaft davon abbringen, diesen Traum in den Nuller- und Zehnerjahren weiterzutr\u00e4umen. Bis zum 24. Februar 2022. Wie schwer es ist anzuerkennen, dass man in einer Illusion gelebt hat, zeigen die Debatten um die Waffenlieferungen an die Ukraine&#8220;.<br \/>\nAlles, was sich zurzeit unter den Augen der bundesrepublikanischen \u00d6ffentlichkeit abspielt, ist auf eine ausnehmende Weise von ern\u00fcchternder Strahlkraft. Innerhalb von wenigen Monaten wurde der gesamte friedfertige, friedliebende, von einer nicht selten wirklichkeitsfremden Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung strotzende bundesdeutsche geistige \u00dcberbau jener Generationen, die nach 1970 geboren wurden, schonungslos auf dem M\u00fcllberg der Geschichte entsorgt. Eine geistige Kehrtwende, die seinesgleichen in der Geschichte sucht und gewiss sich schwer finden l\u00e4sst. Unser Reporter schreibt tats\u00e4chlich: &#8222;ES wird aber auch keine Zeitenwende geben, wenn wir unser Verh\u00e4ltnis zum Milit\u00e4rischen nicht grundlegend \u00e4ndern&#8220;.<br \/>\nIch gestehe freim\u00fctig: Ich bin fassungslos! Diese Fassungslosigkeit ist aufgrund meines Alters und der damit einhergehenden Lebenserfahrung allerdings keine, die von einer besserwisserischen und emp\u00f6rten Geisteshaltung geleitet und begleitet wird, sondern von einem aufrichtigen, gro\u00dfz\u00fcgigen und milden Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Gang der Dinge.<br \/>\nVerst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass jede Generation weitestgehend das ererbte Alte ablehnt, um die Herausforderungen des Lebens anders als die Alten und besser als alle Vorfahren zu gestalten. Jede Generation zeugt aus sich heraus eigene unverwechselbare, dem Zeitgeist huldigende Ideale, die als unstrittige und unwiderlegbare Wahrheiten in die Welt gesetzt und des \u00d6fteren mit einem quasireligi\u00f6sen Nimbus verkl\u00e4rt werden. Man beachte lediglich Teile der jetzigen Jugend, die um die Jahrhundertwende geboren wurde: ihr Denken, ihre Ideale, ihre Aktionen.<br \/>\nIch bin aber gleichzeitig au\u00dfer Stande, auch nur eine einzige europ\u00e4ische Generation der letzten 700 Jahre, also grob vom Hochmittelalter her gerechnet, zu benennen (das ist, ich gebe unumwunden zu, provokativ und gewagt), die nicht den Gro\u00dfteil ihrer Ideale, egal welcher Art, mit ins Grab genommen h\u00e4tte.<br \/>\nAllen &#8211; der jetzigen und den k\u00fcnftigen Generationen &#8211; st\u00fcnde es somit gut zu Gesicht, sich zeitlebens und kontinuierlich die uralten Binsenwahrheiten und Jahrtausende akkumulierten Weisheiten ins Bewusstsein zu rufen, dass jede menschliche Erkenntnis eine unbestritten begrenzte Halbwertszeit hat und jede menschliche Anma\u00dfung, den Fluss der Geschichte \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum steuernd beeinflussen zu wollen, in \u00fcberwiegenden F\u00e4llen zum Scheitern verurteilt ist.<br \/>\nMir fallen in diesem Zusammenhang die Worte Gotthold Ephraim Lessings ein:<br \/>\n&#8222;Der garstige Graben der Geschichte&#8220;.<br \/>\nDiesem Graben zu entkommen: Das schafft offensichtlich keine Generation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DER GARSTIGE GRABEN DER GESCHICHTE Vor einigen Tagen hat ein ehemaliger Waldorfsch\u00fcler, Hausbesetzer und &#8222;taz&#8220;-Mitarbeiter folgendes an das Bundesamt f\u00fcr Familie und gesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) geschrieben: &#8222;Sehr geehrte Damen und Herren, ich m\u00f6chte gerne meine Verweigerung des Kriegsdienstes zur\u00fcckziehen. 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