{"id":2998,"date":"2021-05-12T21:20:22","date_gmt":"2021-05-12T19:20:22","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=2998"},"modified":"2021-05-12T21:20:22","modified_gmt":"2021-05-12T19:20:22","slug":"2998-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2021\/05\/12\/2998-2\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Geistige Entropie<\/p>\n<p>Vor rund 210 Jahren h\u00e4tte man ihm in den engen Gassen N\u00fcrnbergs begegnen k\u00f6nnen.<br \/>\nEine eher unscheinbare Erscheinung: ein Stuttgarter Schwabe nach Franken verschlagen.<br \/>\nDer Rektor des ehrw\u00fcrdigen Melanchthon-Gymnasiums zu N\u00fcrnberg: Georg Wilhelm Friedrich Hegel.<br \/>\nNeben Goethe wohl der letzte deutsche Universalgelehrte.<br \/>\nEs ist uns Menschen eigen, zu versuchen, aus den historischen Geschehnissen den Sinn zu extrahieren. Nun, in meinen &#8211; zugegeben, nicht wirklich ma\u00dfgeblichen &#8211; Bem\u00fchungen eine sinngebende Ordnung in der Komplexit\u00e4t der Gegenwartsgeschichte zu finden, bin ich auf einige von Hegels geschichtsphilosophischen \u00dcberzeugungen gesto\u00dfen. Ihn in diesem Zusammenhang zu finden, war eigentlich keine besondere Leistung: Er ist wieder pr\u00e4sent, schlie\u00dflich j\u00e4hrt sich sein Todestag in diesem Jahr zum hundertneunzigsten Mal.<br \/>\nEin Ph\u00e4nomen heutiger Geisteshaltung macht sich in unserer westlichen Welt breit. Vergangene Ideen und \u00dcberzeugungen, Beweggr\u00fcnde und Standpunkte werden von der hohen moralischen Warte des jetzt vorherrschenden Zeitgeistes einer b\u00f6sartig-\u00fcblen und unheilvollen Kritik unterzogen. Es er\u00fcbrigt sich, Beispiele zu nennen.<br \/>\nDer Mainstream-Meinungskirche ist es gelungen, aus der Wirklichkeit des Hier und Heute hervorgegangenen Zeitgeistes fr\u00fchere Einstellungen und Wertvorstellungen nicht nur abzuwerten, sondern sie sogar zu kriminalisieren.<br \/>\nEs sind genau diese pr\u00e4genden Fakten des heutigen geistigen Geschehens, die Hegels Geschichtsphilosophie auf den Plan rufen.<br \/>\nJede Gesellschaft mitsamt ihrer Ideale, der jeweilige Staat und seine Gesetze, alle Moral, alle Vorstellungen und s\u00e4mtliche Werte sind immer historisch zu betrachten. Somit unterliegt jede Gesellschaft und jede Kultur einer nur ihr eigenen intrinsischen Logik. Diese Logik darf man, kann man, soll man unter die Lupe nehmen, es spricht nichts dagegen, ja, es ist sogar geboten, diese Logik historisch-analytisch zu sezieren. Man seziert aber eine Leiche mit der entsprechenden Ehrfurcht vor der W\u00fcrde des unter dem Seziermesser Liegenden.<br \/>\nDa es objektive, insbesondere zeitlose Werte nicht wirklich gibt, ist es ein Ausdruck von Gedankenlosigkeit, diese Logik im Nachhinein, Jahrzehnte, gar Jahrhunderte sp\u00e4ter, zu denunzieren. Nat\u00fcrlich gelten derlei \u00dcberlegungen nicht Zeiten entmenschten Verbrechens, Zeiten, deren Schuld nie verj\u00e4hren darf.<br \/>\nWeltgeschichte ist im hegelianischen Sinne ein nicht wirklich planbarer Reigen auf der weiten Weltb\u00fchne, ein mit unerbittlicher Logik sich entfaltender Prozess, wo alle Akteure, selbst die \u00fcberragenden Gestalten des Weltgeschehens, nichts anderes als Marionetten waren und sind. Die heutige globale Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen sind hierf\u00fcr das Paradebeispiel schlechthin.<br \/>\nEs gibt gute Gr\u00fcnde, Hegels geschichts- und kulturtheoretischen Lehren zum Mindesten in Erinnerung zu rufen.<br \/>\nDer Zeitgeist, der uns umweht, erhebt das subjektive Gef\u00fchl und die subjektive Identit\u00e4t zum G\u00f6tzen, und erwartet von uns allen, diesem G\u00f6tzen eine quasireligi\u00f6se Verehrung entgegenzubringen. Unsere Welt zerf\u00e4llt zusehends in eine lose Ansammlung von unz\u00e4hligen mehr oder weniger belangvollen Blasen und Narrativen.<br \/>\nDas GANZE im Sinne Hegels, also der &#8222;Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit&#8220;, die unaufhaltsame Entfaltung der Vernunft, die Vers\u00f6hnung von Individuum und Allgemeinem, von Freiheit und Notwendigkeit ger\u00e4t zusehends ins Hintertreffen. Was nicht sonder verwunderlich ist: Es ist doch offensichtlich, dass die Hegelsche Geschichtsphilosophie die s\u00e4kularisierte Variante der christlichen Heilslehre darstellt. Und es gibt noch etwas, was zu Hegel gesagt werden muss: Er hat kaum was Neues gedacht, aber alles schon Gedachte und im Weltma\u00dfstab Geschehene auf eine unnachahmliche Weise neu sortiert und mit einer in sich schl\u00fcssigen Logik neu arrangiert. F\u00fcr den Optimisten Hegel stand fest, dass die aufgekl\u00e4rte liberale Vernunft sich in der Geschichte selbst realisieren wird. Er w\u00fcrde den Zeitgeist und den Mainstream, die jede noch so aberrante Art subjektiven Gef\u00fchls zum Ma\u00dfstab der Wirklichkeit erheben, mit Verachtung quittieren.<br \/>\nMit bek\u00fcmmerter Miene w\u00fcrde er sich sodann Sorgen machen um den Ausgang der Geschichte: Nicht die absolute Vernunft st\u00fcnde am Ende der Weltgeschichte, sondern ein Tr\u00fcmmerhaufen des Geistes.<br \/>\nDie geistige Entropie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geistige Entropie Vor rund 210 Jahren h\u00e4tte man ihm in den engen Gassen N\u00fcrnbergs begegnen k\u00f6nnen. Eine eher unscheinbare Erscheinung: ein Stuttgarter Schwabe nach Franken verschlagen. Der Rektor des ehrw\u00fcrdigen Melanchthon-Gymnasiums zu N\u00fcrnberg: Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Neben Goethe wohl der letzte deutsche Universalgelehrte. 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