{"id":2889,"date":"2021-02-10T20:50:28","date_gmt":"2021-02-10T19:50:28","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=2889"},"modified":"2021-02-10T20:50:28","modified_gmt":"2021-02-10T19:50:28","slug":"2889-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2021\/02\/10\/2889-2\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Geduld und Z\u00e4higkeit hilft uns in schlimmen Tagen viel mehr als Kraft und Raserei&#8220;, schrieb Jean de LA Fontaine (1621-1695) in seiner Fabel von dem L\u00f6wen und der Ratte.<br \/>\nWir alle t\u00e4ten gut daran, diese Worte zu beherzigen. Die unverkrampfte Z\u00e4higkeit und die souver\u00e4ne Geduld geh\u00f6ren nicht unbedingt zu den Tugenden unserer Zivilisation. Ohne diese Tugenden werden wir die globalen Heimsuchungen, die uns bereits Kopfzerbrechen bereiten, und die zuk\u00fcnftigen, die gleichsam in den Startl\u00f6chern parat stehen, nicht meistern.<br \/>\nMit unserer Zivilisation meine ich diesmal lediglich unseren alten Kontinent.<br \/>\nAch, Europa! Warum bist du so unz\u00e4hmbar? Warum verh\u00e4ltst du dich immer wieder wie das schwarze Schaf einer\u00a0 sonst folgsamen Herde? Weshalb schl\u00fcpfst du ungeniert immer wieder aufs Neue in die Rolle des verlorenen Sohnes?\u00a0 Ach, Europa!<br \/>\nDie jetzige Corona-Pandemie hat globale Dimensionen. Europa ist blo\u00df ein Teil dieser Globalit\u00e4t. Sie (Europa ist eine Sie: In der griechischen Mythologie eine ph\u00f6nizische &#8211; also semitische &#8211;\u00a0 K\u00f6nigstochter) hat versucht, der restlichen Welt zu zeigen, dass sie sich diesen m\u00e4chtigen Herausforderungen als Einheit entgegenstellen, dass sie als Wertegemeinschaft agieren kann. Ist leider schiefgelaufen. Ursula von der Leyen streut gerade Asche auf ihr Haupt.<br \/>\nIch mag dich trotzdem, Europa!<br \/>\nDein Wegbegleiter seit Jahrhunderten war und ist das Leid und der politische K(r)ampf: Du hast es nie vermocht, mit einer Stimme zu sprechen, wie auch. Seit drei Jahrzehnten schwadronieren viele, zu viele \u00fcber europ\u00e4ische Werte. Europa, bitte bleib bei deinen Leisten! Du hast deine ureigenen europ\u00e4ischen Werte der Freiheit, Toleranz und Individualit\u00e4t hundertfach verraten. Die Engl\u00e4nder und Franzosen in ihren Kolonien, der Russe mit seinem Gulag, der Deutsche mit der Kr\u00f6nung des Verrats: Auschwitz. Europa, du aberwitziges Gebilde: hast nie mit einer Stimme sprechen k\u00f6nnen und die Versuche, in den letzten drei Jahrzehnten dies trotz besseren Wissens zu tun, endeten nahezu regelm\u00e4\u00dfig im Fiasko.<br \/>\nUnd trotzdem bist du, Europa, f\u00fcr viele Menschen, sehr viele Menschen ein Traum, oft ein unerreichbarer. Menschen nehmen den Tod in Kauf, um deine K\u00fcsten zu erreichen. In Anbetracht dieser so oft tragischen Vorkommnisse kann ich nur zur gelassenen Besonnenheit raten.<br \/>\nEuropa &#8211; und dabei denke ich auch an s\u00e4mtliche F\u00fchrungsgremien der Europ\u00e4ischen Union &#8211; ist nicht so lausig, wie kontinuierlich \u00fcber sie kolportiert wird. \u00dcber dieses Thema ist ein kluger Beitrag in einer der letzten SPIEGEL-Ausgaben erschienen. Er glich einem Weckruf: Redet den alten Kontinent nicht dauernd schlecht! Der Artikel war f\u00fcr mich eine wohltuende Inspirationsquelle.<br \/>\nNat\u00fcrlich ist es nicht so: Von Europa lernen, hei\u00dft siegen lernen! Nein. Aber man kann von Europa viel mehr anderes lernen. Jeder von uns m\u00f6ge einen Augenblick innehalten und sich Europas Gewicht im Zusammenspiel der globalen Abh\u00e4ngigkeiten und Wechselwirkungen\u00a0 ins Bewusstsein rufen. Globalisierung ist heute im Wesentlichen &#8222;eine Europ\u00e4isierung&#8220;. Die Behauptung stammt nicht aus dem Br\u00fcsseler Hauptquartier. Sie stand im Londoner &#8222;Economist&#8220;!<br \/>\nWir d\u00fcrfen nicht vergessen: Briten und Franzosen spielten Weltherrscher im 18. und 19. Jahrhundert. Der USA fiel diese Rolle im gesamten 20. Jahrhundert zu. Die Nordamerikaner setzten gewisserma\u00dfen die &#8222;Goldstandards&#8220; fest. F\u00fcr alle auf Erden. Nun f\u00e4llt diese Rolle &#8211; von den meisten unbemerkt und von den restlichen ignoriert &#8211; den Europ\u00e4ern zu. Die Macht der Chinesen w\u00e4chst tats\u00e4chlich Tag f\u00fcr Tag. Sie sind aber noch sehr weit davon entfernt, Normen und Ma\u00dfst\u00e4be zu setzen.\u00a0 Der oft m\u00fchsame und frustrierende Prozess der auf vielen Ebenen der Wirtschaft und Politik stattfindenden Einigung der V\u00f6lker Europas f\u00fchrt unweigerlich zur Formulierung von Standards. Weil diese Standards\u00a0 in der Hauptsache gut ausgekl\u00fcgelt, nachhaltig und zukunftsweisend sind, werden sie recht gerne von anderen V\u00f6lkern, Organisationen und Regionen weltweit \u00fcbernommen.<br \/>\nEs war eine scharfsinnige Differenzierung, die der Harvard-Professor Joseph Nye vor Jahren getroffen hat: Das in allen Zeiten menschlicher Geschichte so entscheidende Ph\u00e4nomen der Macht unterteilte er in soft power und hard power. Man kann das Weltgeschehen mit milit\u00e4rischen Mitteln beeinflussen. Also mit &#8222;harter Macht&#8220;. In diesem unserem Jahrhundert wird es mehr und mehr auf eine softe Machtaus\u00fcbung ankommen. Die heutigen M\u00e4chte &#8211; so der schon betagte Professor &#8211; sollten durch eine schl\u00fcssige Strategie soft und hard zu &#8222;smart&#8220; verbinden.<br \/>\nEuropa bietet alle Voraussetzungen f\u00fcr das Gelingen eines solchen Vorhabens. Sie soll es nur wollen!<br \/>\nSomit pl\u00e4diere ich daf\u00fcr, lediglich einen Moment innezuhalten und nicht an die unz\u00e4hligen M\u00e4ngel zu denken, die Europa und die EU zu bieten haben. Rufen wir uns ins Bewusstsein, dass Fortschritt historisch meistens im Schneckentempo stattfindet, dass die Gesamtsituation entscheidender ist als Momentaufnahmen, dass das von Europa Erreichte ohne Scheu und ohne Bedenken als beeindruckend bezeichnet werden kann.<br \/>\nDie gro\u00dfe Mehrheit jener, die nicht zu Europa geh\u00f6ren, erblicken in diesem Erreichten eben das, was es tats\u00e4chlich ist: ein ohne Wenn und Aber tragf\u00e4higes Lebensmodell f\u00fcr das 21. Jahrhundert.<br \/>\nEuropa, du zerbrechliches Gebilde: Ich mag dich sehr!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Geduld und Z\u00e4higkeit hilft uns in schlimmen Tagen viel mehr als Kraft und Raserei&#8220;, schrieb Jean de LA Fontaine (1621-1695) in seiner Fabel von dem L\u00f6wen und der Ratte. 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