{"id":2531,"date":"2020-03-25T18:42:44","date_gmt":"2020-03-25T17:42:44","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=2531"},"modified":"2020-03-25T18:42:44","modified_gmt":"2020-03-25T17:42:44","slug":"2531-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2020\/03\/25\/2531-2\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Versetzen wir uns in Anno Domini 1348. (Der Vollst\u00e4ndigkeit halber: Anno Domini Nostri Jesu Christi)<br \/>\nRichten wir unseren Blick auf Florenz. Damals das Non plus Ultra europ\u00e4ischer Zivilisation, eine <strong>der<\/strong> Adressen h\u00f6chster kultureller Raffinesse. Und dann pl\u00f6tzlich die Heimsuchung: Die Pest, der schwarze Tod, der Inbegriff der todbringenden Seuche schlechthin.<br \/>\nIn dem brillant verfassten IL DECAMERONE hat Giovanni Boccaccio die todbringende Seuche in seiner (geistigen) Heimatstadt mit unvergleichbarem dichterischen K\u00f6nnen festgehalten. Zehn junge Menschen &#8211; allesamt junge Frauen und junge M\u00e4nner\u00a0 &#8211; verlassen rechtzeitig die vom Tod im W\u00fcrgegriff genommene Stadt, sie fliehen aufs Land: In ein toskanisches Dorf und hier auf einen wohl prosperierenden Landsitz. Weit weg von der todgeweihten Stadt (zwei Dutzend Kilometer waren damals schon weit weg) verbringen sie &#8211; so Boccaccio &#8211; unbeschwerte Stunden in vermutlich vollster Abgeschiedenheit, indem sie sich erotisch-heitere Geschichten zur Unterhaltung erz\u00e4hlen.<br \/>\nSeit Menschengedenken gibt es sie: Die Seuchen. Sie haben mehr Menschenleben auf dem Gewissen als s\u00e4mtliche Kriege. Daran wird sich wohl kaum was \u00e4ndern, solange Menschen eben Menschen sind mit und in ihrer biologischen Determiniertheit.<br \/>\nDeshalb ist die Aufgeregtheit, die die gesamte Welt heute ergriffen hat, weitestgehend unangebracht. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts m\u00fcssten mit deutlich mehr Resilienz dem Coronaph\u00e4nomen entgegentreten. Dass viele Zeitgenossen resilienzaffines Verhalten an den Tag legen, ist nicht zu bestreiten.<br \/>\nUnd trotzdem: Der Grundtenor des sozialen Verhaltens nahezu \u00fcberall auf der Welt ist gekennzeichnet durch Vulnerabilit\u00e4t und einer nicht zu leugnenden Neigung zu panischem Verhalten.<br \/>\nDie jungen Florentiner auf dem toskanischen Landsitz nutzten die au\u00dferordentliche Situation der im Lande grassierenden Seuche, um in ihren Erz\u00e4hlungen nebenbei auch die geltenden Werte und Normen ihrer damaligen Zeit zu hinterfragen. Nach knapp zwei Wochen &#8222;Isolationshaft&#8220;\u00a0 haben sie die gem\u00fctliche Residenz in Richtung Florenz wieder verlassen.<br \/>\nAn den Werten und Normen, die sie hinterfragt haben, hat sich derweil und in ihrer &#8211; gleicherma\u00dfen fernen &#8211; Zukunft nichts ge\u00e4ndert.<br \/>\nAuch in diesen Tagen, da nahezu die gesamte Menschheit inneh\u00e4lt, da in der pandemischen Hilflosigkeit Momente des Verschnaufens, ja der FREIHEIT zutage treten, wo das \u00d6konomische und das Soziale oft brutal heruntergefahren werden, wird vieles unter die Lupe genommen und folgerichtig hinterfragt. Die sozialen Medien werden regelrecht \u00fcberflutet von solchen Beitr\u00e4gen. Hinterfragt werden der globale, digital-kapitalistische Lebensstil, auch das erdr\u00fcckende Primat \u00f6konomischen Denkens \u00fcber alles, aber wirklich alles, was uns Menschen eigentlich wichtig, fast schon heilig ist.<br \/>\nJetzt g\u00e4be es reichlich Zeit zum Nachdenken, Zeit sich Geschichten zu erz\u00e4hlen und dar\u00fcber zu diskutieren, was wir besser machen\u00a0 k\u00f6nnten in der Zukunft, die mit dem morgigen Tag beginnt.<br \/>\nIm Grunde genommen ist das Virus auf der Durchreise. Es wird baldigst seine Gef\u00e4hrlichkeit einb\u00fc\u00dfen, \u00fcber die Klinge springen und seinen Geist aushauchen.<br \/>\nGeist? Welchen Geist? Wer sonst als Goethe hat den Wesenskern allen B\u00f6sen in ewig g\u00fcltige Worte gefasst:<br \/>\n&#8222;Ich bin der Geist, der stets verneint!\/Und das mit Recht: denn alles was entsteht, \/ist wert, dass es zugrunde geht.\/<br \/>\nWahrlich, die beiden letzten Verse haben es in sich!<br \/>\nAch was! Geist hin oder her!<br \/>\nUnd Goethe kann mir auch den Buckel runterrutschen.<br \/>\nWir werden in B\u00e4lde eh alle wieder aufdrehen, als ob nichts gewesen w\u00e4r.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Versetzen wir uns in Anno Domini 1348. (Der Vollst\u00e4ndigkeit halber: Anno Domini Nostri Jesu Christi) Richten wir unseren Blick auf Florenz. Damals das Non plus Ultra europ\u00e4ischer Zivilisation, eine der Adressen h\u00f6chster kultureller Raffinesse. Und dann pl\u00f6tzlich die Heimsuchung: Die Pest, der schwarze Tod, der Inbegriff der todbringenden Seuche schlechthin. 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