{"id":1420,"date":"2018-02-14T17:52:39","date_gmt":"2018-02-14T16:52:39","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=1420"},"modified":"2018-02-14T17:52:39","modified_gmt":"2018-02-14T16:52:39","slug":"1420-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2018\/02\/14\/1420-2\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Es ist zum Schmunzeln.<\/p>\n<p>&#8222;Weltmacht wider Willen&#8220; titelt &#8222;Der Spiegel&#8220; seinen Leitartikel Ende Januar 2018.\u00a0 Ein Land mit seinem &#8222;kolossalen Gewicht&#8220;\u00a0 hat doch keine Wahl, Macht (in der Welt &#8211; meine Anmerkung!) auszu\u00fcben oder nicht.\u00a0 Dieses Land-so das Hamburger Blatt-z\u00e4hlt zu den Motoren der globalen \u00d6konomie und zu den tragenden S\u00e4ulen der westlichen Welt.<\/p>\n<p>Nun: welches Land meint wohl &#8222;Der Spiegel&#8220;?<\/p>\n<p>Nein, aber wirklich nicht!\u00a0 Doch! Doch!\u00a0 Deutschland ist gemeint!\u00a0 Der eher linkslastige &#8222;Spiegel&#8220; bescheinigt unserem Land den Status einer Weltmacht!\u00a0 Und nun die Kehrseite der Medaille, ebenfalls laut &#8222;Spiegel&#8220;: Deutschland findet partout nicht zu einer Au\u00dfenpolitik, die seinem &#8222;kolossalen Gewicht&#8220; entspricht.<\/p>\n<p>Chapeau, &#8222;Spiegel&#8220;! Der Leitartikel folgt dem Verm\u00e4chtnis Rudolf Augsteins, dem legend\u00e4ren \u00dcbervater des Blattes, dessen journalistisches Berufsethos er selber in drei Worte zusammengefasst hat: &#8222;Sagen, was ist.&#8220;<\/p>\n<p>Tatsache ist: Deutschland kann keine Au\u00dfenpolitik. Ich darf an dieser Stelle den Leser auf einen im M\u00e4rz 2017\u00a0 hier bei Acta Septimana erschienenen Artikel zu diesem Thema verweisen. Die komplexe Vielschichtigkeit des Themas l\u00e4sst nur geistige Ann\u00e4herungsversuche zu. Warum Deutschland keine Au\u00dfenpolitik kann, entzieht sich einer vollst\u00e4ndigen und endg\u00fcltigen Beurteilung. In jenem M\u00e4rzartikel habe ich zaghafte Versuche der Ann\u00e4herung gewagt. Die folgenden Zeilen wollen als Fortsetzung verstanden werden.<\/p>\n<p>Aus nachvollziehbaren historischen Gr\u00fcnden als Reaktion auf die uns\u00e4glichen Jahre des Nationalsozialismus und dem darauffolgenden politisch-moralischen Mief der Nachkriegsjahre hat die 68er Bewegung in Westdeutschland zun\u00e4chst s\u00e4mtliche gesellschaftlichen Normen und Werte mit Furor in Frage gestellt, um dann unaufhaltsam in den letzten drei Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts die kulturelle und spirituelle Deutungshoheit zuerst in der BRD, dann, nach dem Mauerfall, im vereinten Deutschland zu erobern. Das Weltbild und die Werte, die diese Generation vertreten, will ich hier nicht breittreten. Sie sind weitestgehend durchdrungen vom Glauben in das Gute und das Edle im Menschen, mit ausgepr\u00e4gten z.T. gut nachvollziehbaren antikapitalistischen, letztendlich auch offenkundig utopischen Tendenzen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich &#8211; ein unter v\u00f6llig anderen gesellschaftlichen Realit\u00e4ten sozialisierter Deutscher &#8211; ist diese kurz vor und kurz nach Kriegsende 1945 geborene westdeutsche Generation, von denen jetzt nahezu alle im Rentenalter sind, aber immer noch hierzulande eine entscheidende Rolle als Meinungsmacher innehaben, eine wider Willen und somit schuldlos &#8222;traumatisierte&#8220; Generation. Traumata k\u00f6nnen vielfache Ursachen haben. Und sie sind deshalb von unterschiedlichen Auspr\u00e4gungsgraden.\u00a0 Es gibt z.B. ein-bei Europ\u00e4ern eher unbekanntes-Post Traumatic Slave Syndrom.<\/p>\n<p>Und f\u00fcr mich gibt es zweifelsohne ein Posttraumatisches-NS-Syndrom. Betroffen sind jene, die (geistig)\u00a0 traumatisiert wurden von der Geschichte des eigenen Volkes in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts, von der Schuld, welche die eigene Nation, die eigenen Eltern, ihr Vaterland auf sich geladen haben. Es war den Eltern und Gro\u00dfeltern der 68er nicht m\u00f6glich angesichts der immensen Schuld, die sie in gut drei Jahrzehnten auf sich geladen haben, sich vor der Geschichte zu dieser Schuld zu bekennen oder sie gar offensiv und mit reinigender Wirkung zu verarbeiten. \u00dcber das Geschehene, \u00fcber das Schreckliche breiteten sie hilflos den Mantel der Verschwiegenheit aus. Das Erlebte machte sie stumm. Sprachlos.<\/p>\n<p>Diese Sprachlosigkeit, dieses Unverm\u00f6gen, sich der Schuld zu stellen, wurde von den eigenen Kindern dahingehend gedeutet, dass die Eltern Unverbesserliche waren, deren Weltanschauungen und Werte man beflissen und minuzi\u00f6s ausl\u00f6schen mu\u00dfte. Die 68er Generation hat die Schuldfrage gel\u00f6st, indem sie jene bitterlich immense B\u00fcrde auf sich genommen hat, wozu ihre von h\u00f6llischen Geschehnissen\u00a0 traumatisierten Eltern nicht mehr imstande waren.<\/p>\n<p>Sich schuldlos schuldig zu erkl\u00e4ren traumatisiert.<\/p>\n<p>Um mit dieser unverschuldeten Schuld leben zu k\u00f6nnen, musste nahezu alles, was an die elterliche Welt erinnerte, mit F\u00fcssen getreten und ein f\u00fcr alle Male ausgemerzt werden. In solchen historischen Momenten beginnt man zun\u00e4chst damit, Identit\u00e4ten auszul\u00f6schen. So sind Parolen wie &#8222;Nie wieder Deutschland&#8220; oder &#8222;Deutschland verrecke&#8220; entstanden. So ist es auch zu verstehen, dass heute viele &#8222;Traumatisierte&#8220; eine intimere N\u00e4he zu Hunderttausenden von einer frauenverachtenden, antisemitischen Religion gepr\u00e4gten jungen M\u00e4nnern empfinden, als zu anderen Europ\u00e4ern im Westen und insbesondere im Osten des Kontinents, die nicht so denken wie sie.<\/p>\n<p>Vor ca. 20 Jahren hat ein gewisser Johannes Willms in der &#8222;S\u00fcddeutschen Zeitung&#8220; geschrieben: das Verlangen nach Identit\u00e4t sei die &#8222;Lebensl\u00fcge von Zombies&#8220;. Grotesker geht es nicht. Das ist, was ich unter traumatisiert verstehe. Und schuldlos noch dazu.<\/p>\n<p>Nun wird im selbigen Leitartikel dar\u00fcber lamentiert, dass wir so einen wie Macron nicht haben. Solange die Traumatisierten das Sagen haben, werden wir in Deutschland keine anderen Politiker als uncharismatische haben. Jene, die in Nachkriegsdeutschland einen Hauch von Charisma aufweisen konnten, sind die ber\u00fchmten Ausnahmen, die die Regel best\u00e4tigen. Einer wie Macron mit vision\u00e4rem Willen, ausgestattet mit k\u00f6rperlichen und geistigen Eigenschaften, die Menschen zu begeistern imstande sind,\u00a0 mit einem nicht allt\u00e4glichen Verm\u00f6gen, ein tiefsinniges Gespr\u00e4ch \u00fcber Hegels Philosophie zu f\u00fchren, hat in unserem Land unter den Bedingungen des kulturellen und politischen Diktats der Traumatisierten\u00a0 keine Chance. Jemand, der &#8211; im positiven Sinne des Wortes &#8211;\u00a0 elit\u00e4r aus der Reihe tanzt, ein Charismatiker also, dem per definitionem vision\u00e4res Denken eigen ist, w\u00e4re f\u00fcr unsere &#8222;Elite&#8220; gleichbedeutend mit einem Volksverf\u00fchrer, einem h\u00f6chst gef\u00e4hrlichen Blender, dem der (politische) Kopf rechtzeitig eingeschlagen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Deutschland wird in den letzten Jahren ebenfalls von Traumatisierten &#8211; allerdings handelt es sich um ein v\u00f6llig anderes Trauma &#8211; gezielt als Zufluchtsst\u00e4tte ausgesucht. In den Augen der einheimisch Traumatisierten d\u00fcrfen, ja sollen diese von weit her Gekommenen ihre Herkunft, ihre Identit\u00e4t, ihren Glauben, ja selbst ihre Scharia bewahren und erhalten. Die Identit\u00e4t der Anderen muss der Deutsche\u00a0 sch\u00e4tzen und in Ehren halten.\u00a0 Die eigene Identit\u00e4t, jene, die ihm in den letzten Jahrzehnten noch geblieben ist, soll ihm versagt bleiben.\u00a0 Identit\u00e4tsbehauptung versus Identit\u00e4tsverleugnung. Kann das gut gehen?<\/p>\n<p>Es ist schier unm\u00f6glich, eigene Interessen machtvoll auf dem internationalen Parkett zu vertreten, wenn man mit sich selber nicht im Reinen ist.<\/p>\n<p>Erst den Enkeln der 68er werden die historischen Chancen zufallen &#8211; vorausgesetzt es geschehen weitere, reinigende historische Prozesse &#8211; sich einer neuen, politisch gesunden und traumafreien, hoffentlich dann deutsch-europ\u00e4ischen Identit\u00e4tsbehauptung zu erfreuen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist zum Schmunzeln. &#8222;Weltmacht wider Willen&#8220; titelt &#8222;Der Spiegel&#8220; seinen Leitartikel Ende Januar 2018.\u00a0 Ein Land mit seinem &#8222;kolossalen Gewicht&#8220;\u00a0 hat doch keine Wahl, Macht (in der Welt &#8211; meine Anmerkung!) auszu\u00fcben oder nicht.\u00a0 Dieses Land-so das Hamburger Blatt-z\u00e4hlt zu den Motoren der globalen \u00d6konomie und zu den tragenden S\u00e4ulen der westlichen Welt. 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