{"id":1336,"date":"2018-01-10T19:10:28","date_gmt":"2018-01-10T18:10:28","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=1336"},"modified":"2018-01-10T19:10:28","modified_gmt":"2018-01-10T18:10:28","slug":"1336-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2018\/01\/10\/1336-2\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Es ist Winter.<\/p>\n<p>Und:\u00a0 es sind mitunter bleierne Tage dabei. Tage, die mich gelegentlich an ein Gedicht mit dem Titel &#8222;Blei&#8220; erinnern. Der Autor hie\u00df George Bacovia, einer der Ausnahmetalente der rum\u00e4nischen Literatur.<\/p>\n<p>&#8222;Dormeau adanc sicriele de plumb&#8230;.(Im Tiefschlaf die bleiernen S\u00e4rge&#8230;). Dieser erste Vers suggeriert bereits bleierne Unbeweglichkeit, mehr noch:\u00a0 starre, gef\u00fchllose, durch Mark und Bein dringende K\u00e4lte.<\/p>\n<p>Bleiern ist seit einigen Wochen auch der Gesichtsausdruck von Angela Merkel. Es geht ihr nicht gut, das merkt man ihr\u00a0 deutlich an. Ihre fr\u00fcheren Gesichtsz\u00fcge widerspiegelten das, was sie glaubw\u00fcrdig am besten konnte:\u00a0 alles unter Kontrolle haben. Die unmi\u00dfverst\u00e4ndliche Hoheit \u00fcber s\u00e4mtliche innen- und au\u00dfenpolitischen Schlagl\u00f6cher. Die politisch-n\u00fcchterne Unaufgeregtheit selbst in den brenzlichsten Situationen hat sie nahezu perfekt beherrscht und vorgelebt.<\/p>\n<p>Seit einigen Monaten ist alles anders. Wie so oft in der Geschichte begann auch bei ihr die Erosion der Macht und\u00a0 der damit verbundene Kontrollverlust schleichend. Und wie jede Erosion &#8211;\u00a0 ob im Physikalischen, Sozialen, Wirtschaftlichen und Politischen &#8211;\u00a0 ist sie ein langsamer und unauff\u00e4lliger Proze\u00df. Gleichsam nicht der Rede wert.<\/p>\n<p>Wenn dann aber der Erosionsproze\u00df bewu\u00dft wird,\u00a0 ist die Prekarit\u00e4t der Lage so fortgeschritten, dass es au\u00dfer einem radikalen Schnitt mit dem Erodierten keinen anderen sinnvollen Weg gibt.<\/p>\n<p>Soweit ist es nun auch mit unserer Kanzlerin gekommen und mit ihrem Denksystem, das man zu Recht als Merkelianismus bezeichnen darf.\u00a0 Die Politikwissenschaften werden &#8211; was den Merkelianismus anbelangt &#8211; k\u00fcnftig ein weiteres und durchaus weites wissenschaftliches Erkundungsfeld &#8222;beackern&#8220; k\u00f6nnen. Die so gewonnenen Erkenntnisse werden hoffentlich neueren Generationen in politischer Verantwortung weiterhelfen,\u00a0 soweit diese sich lernf\u00e4hig und -begierig erweisen werden.<\/p>\n<p>Womit Frau Merkel uns entz\u00fcckt hat, war die unaufgeregte Solidit\u00e4t ihres Denkens und des Auftretens:\u00a0 kein Schein, sondern Sein. Puristisch- protestantische Askese in Reinform.\u00a0 Pragmatismus der naturwissenschaftlichen Pr\u00e4gung. In der Finanzkrise vor knapp 10 Jahren hat sie gezeigt, wozu sie imstande ist:\u00a0 Krisen zu bew\u00e4ltigen, die nicht unmittelbar das Seelenleben der Menschen, insbesondere jenes des eigenen Volkes, touchieren. Es ging darum, Deutschland und Europa einen Stabilit\u00e4tsanker zu verpassen in einer Zeit, wo nicht wenige bereits Untergangsstimmungen fr\u00f6nten. Diese Krise hat sie in lobenswerter Manier gemeistert. Zwar war und ist der Preis relativ hoch:\u00a0 der f\u00fcr die Finanzwelt unbedeutende kleine Sparer bezahlt die Zeche &#8211; aber es h\u00e4tte viel schlimmer kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Frau Merkel wollte das Unbedingte um jeden Preis:\u00a0 Stabilit\u00e4t nach allen Seiten. In allen Dimensionen.<\/p>\n<p>Sie hat zu lange regiert, zu lange hat sie in Deutschland und in Europa das Sagen gehabt, als dass sie von dem tragischen Moment der Hybris, der jedem menschlichen Schicksal innewohnt, h\u00e4tte verschont bleiben k\u00f6nnen. Durch einen einzigen, offenbar einsam gefassten Beschlu\u00df in jener Sp\u00e4tsommernacht des Jahres 2015 hat sie in der Zehntelsekunde eines Wimpernschlages &#8211; damals nat\u00fcrlich ohne es zu ahnen &#8211; ihrem politischen Ideal,\u00a0 alles der Stabilit\u00e4t unterzuordnen,\u00a0 irreparablen Schaden zugef\u00fcgt. Dabei lag sie mit ihrem Beschlu\u00df alles andere denn falsch. Und das weder politisch noch moralisch. Im Gegenteil:\u00a0 ihre Anweisung, die Grenzen f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge sofort zu \u00f6ffnen, war eine der gro\u00dfartigsten Taten eines Politikers der letzten Jahrzehnte europ\u00e4ischer Geschichte.<\/p>\n<p>Aber es gibt in der Geschichte h\u00f6here, f\u00fcr Menschen unbegreifliche M\u00e4chte, die den Gang eben dieser Geschichte verst\u00f6rend beeinflussen. So gibt es menschliche Fehlgriffe und Verfehlungen definitiv ohne den\u00a0 klassischen Zusammenhang mit einer m\u00fchelos auszumachenden subjektiven Schuld.\u00a0 Wunderbar herausgearbeitet in den attischen Trag\u00f6dien der unerreichten griechischen Meister ( vor 2400 Jahren!).<\/p>\n<p>Der Lauf der Geschichte lockt Menschen in die Hybrisfalle:\u00a0 auf der Suche nach der gerechten L\u00f6sung und dem moralisch einwandfreien Weg ger\u00e4t der Mensch in Widerspruch mit M\u00e4chten, die sich seiner Kontrolle entziehen. In solchen Augenblicken verf\u00fchrt die ihm innewohnende Hybris den Menschen in eine so nie gewollte Vermessenheit und Selbst\u00fcberhebung.\u00a0 Karl Popper schrieb dazu Folgendes:\u00a0 &#8222;Die Hybris, die uns versuchen l\u00e4\u00dft, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verf\u00fchrt uns dazu, unsere gute Erde in eine H\u00f6lle zu verwandeln&#8220;.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gelten Poppers Worte nicht Angela Merkel.<\/p>\n<p>Aber die deutsche Kanzlerin wurde von der Geschichte definitiv auch in diese Falle gelockt. Die Nachwelt wird sich nicht so sehr um ihre einsam gef\u00e4llte Entscheidung k\u00fcmmern, sondern sich eher f\u00fcr die Monate und Jahre interessieren, die diesem Beschlu\u00df gefolgt sind.<\/p>\n<p>Dem staatlichen Kontrollverlust. Dem Verlust dessen was Merkels politische DNA immer schon ausgemacht hat: unaufgeregt f\u00fcr innere und \u00e4u\u00dfere Stabilit\u00e4t zu sorgen.<\/p>\n<p>Sie wei\u00df, dass sie hier &#8211; trotz der Tatsache, dass sie das Gute und das Moralische fest im Auge hatte &#8211; ihren kapitalen politischen Fehler begangen hat.<\/p>\n<p>Sie wei\u00df, dass sie als politisch Verantwortliche diese &#8222;ihre&#8220; Stabilit\u00e4t nie wieder wird herstellen k\u00f6nnen, auch ist sie sich dessen wohl bewu\u00dft, dass sie allein f\u00fcr das Aufkommen der AFD und f\u00fcr das Erstarken des rechten Randes der Gesellschaft verantwortlich ist.\u00a0 Sie wei\u00df, dass sie ihre CDU gespalten, dass sie eigentlich das ganze Land gespalten hat.<\/p>\n<p>Die vielen vergangenen Monate seit dem Beginn des Kontrollverlustes zeigen auch sehr deutlich, auf welche Art sie um Schadensbegrenzung bem\u00fcht war. Den berechtigten Sorgen des eigenen Volkes begegnete sie mit der ihr eigenen leidenschaftslos-frostigen Unaufgeregtheit. Jenem untr\u00fcglichen Kompass ihres langj\u00e4hrigen politischen Erfolges. Dieses Entr\u00fcckt-Sein vom Puls der Zeit war aber nicht mehr zeitgerecht. Die B\u00fcrger &#8211;\u00a0 letztlich zu viele B\u00fcrger &#8211; haben ihre bleierne Miene, die das &#8222;Weiter So&#8220; veranschaulichen sollte, nicht mehr begriffen. Nur keine Gef\u00fchlswallungen. Nur nicht sich dem eigenen Volk stellen und eine alle ber\u00fchrende, vision\u00e4re Rede halten!<\/p>\n<p>Sie weiss es sehr wohl:\u00a0 ihren Versuch, sich in diesen geschichtstr\u00e4chtigen Zeiten schweigend und unber\u00fchrt-kalt durchzuwurschteln, wird ihr die Geschichte nicht verzeihen.<\/p>\n<p>Somit hat es Angela Merkel\u00a0 auch nicht geschafft.<\/p>\n<p>Den eleganten Abgang aus der Geschichte.<\/p>\n<p>Sie wird zur Zeit auff\u00e4llig oft von den Kabarettisten der Nation vereinnahmt. Seit Monaten kommt kein Kabarettist mehr an der Kanzlerin vorbei. Kabarett ist ein ziemlich sensibler Pulsometer der Volksseele. Und somit ein untr\u00fcgliches Fr\u00fchwarnsystem f\u00fcr W\u00fcrdentr\u00e4ger insbesondere f\u00fcr politische.<\/p>\n<p>Angela Merkel hat den vorbildlichen und distinguierten Ausstieg seit langem verpasst.\u00a0 \u00c4hnlich wie ihr politischer Ziehvater,\u00a0 der Mephistos Warnung aus Goethes Faust auch nicht ernst genommen hat:<\/p>\n<p>&#8222;Du glaubst zu schieben und wirst geschoben.&#8220;<\/p>\n<p>Der Kanzler der Einheit wurde damals von einer relativ unbekannten protestantischen Pastorentochter (weg) geschoben.<\/p>\n<p>Warum hast du in der Schule nicht aufgepasst Angela, als Goethes Faust besprochen wurde?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Winter. Und:\u00a0 es sind mitunter bleierne Tage dabei. Tage, die mich gelegentlich an ein Gedicht mit dem Titel &#8222;Blei&#8220; erinnern. Der Autor hie\u00df George Bacovia, einer der Ausnahmetalente der rum\u00e4nischen Literatur. &#8222;Dormeau adanc sicriele de plumb&#8230;.(Im Tiefschlaf die bleiernen S\u00e4rge&#8230;). Dieser erste Vers suggeriert bereits bleierne Unbeweglichkeit, mehr noch:\u00a0 starre, gef\u00fchllose, durch Mark&hellip; <a href=\"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2018\/01\/10\/1336-2\/\" class=\"more-link\">Weiterlesen <span class=\"screen-reader-text\"><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[7],"class_list":["post-1336","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-angela-merkel"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1336","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1336"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1336\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1336"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1336"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1336"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}