{"id":1237,"date":"2017-10-08T20:29:43","date_gmt":"2017-10-08T18:29:43","guid":{"rendered":"https:\/\/actaseptimana.de\/?p=1237"},"modified":"2017-10-08T20:29:43","modified_gmt":"2017-10-08T18:29:43","slug":"1237-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/actaseptimana.de\/index.php\/2017\/10\/08\/1237-2\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>BYE, BYE,\u00a0 SOZIALDEMOKRATIE !<\/p>\n<p>Geschichte ist unerbittlich.\u00a0 Alles, was nicht zeitgem\u00e4\u00df ist, wird gnadenlos ausgemustert.\u00a0 Die Genossen sind auf dem &#8211; noch schleichenden &#8211; aber nicht mehr auf zu haltenden Weg,\u00a0 sich aus der Geschichte zu verabschieden. Sozialdemokratisches Gedankengut ist &#8211; und auch hier blo\u00df schemenhaft &#8211; nur noch an Europas Peripherie gefragt. Und auch nur halbherzig. Die \u00c4ra der Ikonen der gro\u00dfen Partei der Arbeiterklasse ist endg\u00fcltig vorbei.<\/p>\n<p>Allerdings kann man\u00a0 der Sozialdemokratie eins nicht absprechen:\u00a0 ihre gro\u00dfartigen historischen Leistungen \u00fcber viele Jahrzehnte hinweg insbesondere in Westeuropa!\u00a0 Ohne ihr s\u00e4he heute Europa ganz und gar anders aus.\u00a0 Es mu\u00df in aller Deutlichkeit gesagt werden:\u00a0 trotz gelegentlich himmelschreiender M\u00e4ngel ist das heutige Europa noch immer f\u00fcr die meisten Menschen auf der gesamten Erde der geographische Ort, wo sie gerne arbeiten und leben m\u00f6chten!\u00a0 Dank (auch!) der Sozialdemokratie!<\/p>\n<p>In den L\u00e4ndern mit gro\u00dfer sozialdemokratischer Tradition spielen sie aber seit einiger Zeit nur mehr eine untergeordnete politische Rolle.\u00a0 Die franz\u00f6sischen Sozialisten wurden von Macron bis tief ins Mark erniedrigt. Es ist kaum an zu nehmen,\u00a0 da\u00df Italiens Sozialdemokraten sich aus ihrer Krise jemals befreien k\u00f6nnten.\u00a0 \u00d6sterreichs angesehene Sozialdemokratie d\u00fcmpelt perspektivlos vor sich hin. Und vor kurzem nun der Absturz jener, die nicht minder als\u00a0 in der direkten historischen Nachfolge der Gr\u00fcnder der Partei der Arbeiterklasse stehen:\u00a0 die stolze deutsche Partei von Bebel,\u00a0 Ebert,\u00a0 Schuhmacher,\u00a0 Brandt,\u00a0 Schmidt.<\/p>\n<p>Bye, bye,\u00a0 Sozialdemokratie !<\/p>\n<p>Eigentlich g\u00e4be es so viele Gr\u00fcnde, auf das Sozialdemokratische in Europa nicht zu verzichten. Die einschl\u00e4gigen Parteien aber haben nichts davon. Die gro\u00dfe Saga dieser Parteien schreitet ihrem unvermeidbaren Ende entgegen. Der wilde Kapitalismus,\u00a0 der einstens die Sozialdemokratie auf den gesellschaftlichen Plan gerufen hat, wurde jahrzehntelang vor allem in der zweiten H\u00e4lfte des vorigen Jahrhunderts von dieser Partei domestiziert. Sie hatten eine soziale Basis, worauf sie sich verlassen konnten:\u00a0 die breiten werkt\u00e4tigen Massen, die Europa nach zwei bitteren Weltkriegen in bl\u00fchende Landschaften verwandelt haben.<\/p>\n<p>Der wilde Kapitalismus ist zur\u00fcckgekehrt.\u00a0 In einer neuen, modernen Fassung und wild entschlossen, unseren gesamten Planeten nach eigenen Vorstellungen um zu krempeln. Die alte Sozialdemokratie kann dieser geballten \u00f6konomischen Wucht nichts entgegenstellen. Sozialdemokratie war letztlich Ausdruck des Klassenkampfes. Kapital versus Arbeit:\u00a0 Kapital der berechenbaren, nicht spekulativen Sorte versus Arbeit gepr\u00e4gt vom Einsatz menschlicher Muskelkraft und verschwitzten Leiber.<\/p>\n<p>Heute ist das Kapital verwegen, unberechenbar, grenzenlos spekulativ. Das Dienstleistungs- und Informationszeitalter hat keine gesellschaftlich homogene Klasse hervor gebracht, die diesem Kapital auch mit geringster Erfolgsaussicht Paroli bieten k\u00f6nnte.\u00a0 Es fehlt dazu der ber\u00fchmte geistige \u00dcberbau, eine Vision, ein oder zwei entscheidende sozial-politische Elemente, um die arbeitnehmerische Inhomogenit\u00e4t moderner Gesellschaften annihilieren zu k\u00f6nnten.\u00a0 Das sozialdemokratische Ideal war stets das Fortschrittsideal.\u00a0 Sie erdachten den Fortschritt, und es war ihnen auch verg\u00f6nnt, in einer gar nicht kurzen historischen Epoche den Fortschritt zu verwalten und zu stabilisieren. Wehm\u00fctig denkt man zur\u00fcck an die Zeit der Ikonen der goldenen sozialdemokratischen \u00c4ra Brandt &#8211; Kreisky &#8211; Palme, die Massen elektrisieren und begeistern vermochten.\u00a0 Vorbei.<\/p>\n<p>Vorbei,\u00a0 weil das schlichte Denkmuster Rechts &#8211; Links nicht mehr zukunftsgerichtet ist.\u00a0 Vor ein paar Monaten schrieb ich von der aufkommenden Polarit\u00e4t zwischen Kosmopoliten und Kommunitaristen. Die gro\u00dfe Klassenkampf-Saga Kapital versus Arbeit wird latent aber unweigerlich abgel\u00f6st von dem Kampf zwischen den Verfechtern einer offenen und jenen einer geschlossenen Gesellschaft.\u00a0 Zwischen Menschen, die ihr Heil in der Globalisierung sehen und Menschen, die darin eine Bedrohung wittern. Die jeweilige ideologische Basis, woraus die bedeutenden europ\u00e4ischen Volksparteien ihre Legitimation ziehen, br\u00f6ckelt zusehend, weil ihnen immer mehr die ad\u00e4quate wirtschaftliche und sozial-demographische Basis fehlt.<\/p>\n<p>Nirgendwo in Europa war der Gegensatz, oft in Hass gesteigert, zwischen Links und Rechts so ausgepr\u00e4gt wie in Frankreich. Wie von einem Tornado getroffen wurden die etablierten franz\u00f6sischen Volksparteien, allen voran die Sozialisten, von der politischen B\u00fchne weg gefegt. Die Brisanz dieses Politikums ist vielen noch nicht bewu\u00dft.<\/p>\n<p>&#8222;Ni gauche, ni droite&#8220;. Starker Tobak.\u00a0 Wie denn sonst politisch denken und handeln?\u00a0 Macron verzichtet bewu\u00dft auf Etikettierungen, die Reformen, die er ansto\u00dfen will, sind weder gauche noch droite, die Ideen und die Ideale, die dahinter stehen, sind eine Best-of-Sammlung zeitgem\u00e4\u00dfer, moderner, in die Zukunft weisender gedanklicher Elemente.\u00a0 Hat der Franzose das Tor aufgesto\u00dfen zu einer neuartigen politischen Denke in Europa?<\/p>\n<p>Wer Erfolg haben will im \u00d6konomischen wie auch im Politischen mu\u00df eine Erz\u00e4hlung in petto haben. Eine Identifikation stiftende, glaubhafte aber insbesondere emotionale Botschaft, worin sich der B\u00fcrger dieses Jahrtausends wiederfindet. Die Sozialdemokratie verf\u00fcgte 150 Jahre lang \u00fcber eine derartige Erz\u00e4hlung. Aber die Strahlkraft der europ\u00e4ischen sozialdemokratischen Saga erlischt langsam,\u00a0 weil Europa nicht mehr die jugendhaft-optimistische, kraftstrotzende soziale und politische Plattform ist,\u00a0 die es einmal war.\u00a0 Sozialdemokratie bedeutete Aufbruch zu neuen Horizonten, koste es , was es wolle. Die Rezepte, die die heutigen europ\u00e4ischen Sozialdemokraten anbieten,\u00a0 \u00fcberzeugen den B\u00fcrger des alten Kontinents nicht mehr.\u00a0 Die einstigen Helden europ\u00e4ischer Historie und ihr Gedankengut sind nicht mehr gefragt. Weil sie im besten Falle verwalten, aber niemals mehr begeistern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein neuer Politikertyp bedient im Moment die politischen Sehns\u00fcchte vieler Europ\u00e4er.\u00a0 Jung, smart, sportlich-attraktiver Typ, immer chic gekleidet, rhetorisch nahezu perfekt.\u00a0 Selbst wenn sie althistorischen Parteien angeh\u00f6ren, so lassen sie sich vom etablierten Mief der eingespielten Parteimechanismen nicht vereinnahmen. Macron, Kurz, Lindner, Renzi sind zwar &#8222;Parteisoldaten&#8220;, aber sie sind sehr darauf bedacht, eine eigene, pers\u00f6nlich gef\u00e4rbte Geschichte zu erz\u00e4hlen, die aufhorchen und begeistern soll.<\/p>\n<p>Sie ahnen:\u00a0 die Europ\u00e4er ben\u00f6tigen wieder eine Erz\u00e4hlung.\u00a0 Eine, die unter die Haut geht.<\/p>\n<p>Eine Saga, die das geistig und historisch gut definierte europ\u00e4ische Universum wieder deutet und ordnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>BYE, BYE,\u00a0 SOZIALDEMOKRATIE ! Geschichte ist unerbittlich.\u00a0 Alles, was nicht zeitgem\u00e4\u00df ist, wird gnadenlos ausgemustert.\u00a0 Die Genossen sind auf dem &#8211; noch schleichenden &#8211; aber nicht mehr auf zu haltenden Weg,\u00a0 sich aus der Geschichte zu verabschieden. Sozialdemokratisches Gedankengut ist &#8211; und auch hier blo\u00df schemenhaft &#8211; nur noch an Europas Peripherie gefragt. 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